Avantgarde im Umweltamt

"Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen" - der alte Knasti-Spontispruch regte Jürgen Huber einst zur Benennung der Künstlergruppe "Warum Vögel fliegen" an. Heute ist der Altenstädter dritter Bürgermeister in Regensburg. Ein gezähmter Vogel?

Nein, unzufrieden ist der Oberpfälzer Paradiesvogel keineswegs mit seinem Rollenwechsel. Wie er da thront im altehrwürdigen Regensburger Rathaus mit grauem Anzug, passend zum silbernen Haarschopf. Die orangene Krawatte korrespondiert augenzwinkernd mit dem gleichfarbigen Vexierbild hinter ihm - ein Landsknecht mit auffallend großer Nase. Wer nicht erröten möchte, sollte das Bild lieber nicht umdrehen.

"Jetzt ist doch noch was Anständiges geworden aus dem Buben", könne seine Mutter, die noch immer in Altenstadt wohnt, nun endlich sagen, bemerkt er grinsend. Seit 2008 gehört der Grünen-Politiker dem Stadtrat an. Nach dem triumphalen Wahlsieg von Joachim Wolbergs wurde er im Mai zum dritten Bürgermeister gewählt. Das Atelier hat er mit Gartenamt und Abfallentsorgung, Straßenreinigung und Fuhrpark getauscht. Und natürlich: Als ökologisches Gewissen der Regenbogen-Koalition führt Huber den Vorsitz im Ausschuss für Umweltfragen, Natur- und Klimaschutz.

Wenn Huber schon nicht mehr hauptberufliche künstlerische Avantgarde ist, so möchte er als Umweltreferent der Stadt zumindest "Anstifter und Ideengeber" bei der Energiewende sein. "Ich freue mich über das Windrad am Mühlberg, aber Symbole allein reichen nicht. Das ist noch nicht die Energiewende", sagt Huber. Viel Potenzial vermutet der Grüne beim Energiesparen im Wohnbereich. Die Stadt möchte auch Elektromobilität forcieren - Huber sieht hier aber Grenzen des Wachstums: "Wir haben gar nicht genügend Straßen für so viel individuellen Verkehr."

Zu schade für den Müll

Der beste Abfall ist immer der, der gar nicht erst verursacht wird, philosophiert Huber über seinen vermeintlich anrüchigen weiteren Arbeitsbereich. Deshalb fordert er gerade bei Lebensmitteln einen Bewusstseinswandel. Anlässlich der Europäischen Woche der Müllvermeidung werben sieben Müllfahrzeuge für den Wert der Waren, die in anderen Teilen der Welt nicht im Überfluss vorhanden sind: "Zu schade!" ist eine Szene auf dem Plakat an den Seiten der Wägen überschrieben, in der eine Breze in eine Restmülltonne geworfen wird. Wie wahr.

Warum der SPD-Oberbürgermeister den Künstler nicht als Kulturexperten berief? "Das stand nicht zur Debatte", sagt Joachim Wolbergs, "das Kulturreferat ist gut besetzt." Und klar, Grün und Garten passt ja auch. Schließlich kann Huber seine unkonventionellen Neigungen im Umweltressort gut ausleben: Bei der Eröffnung des Heizkraftwerks im Candis-Viertel - begriffliche Versüßung des Areals um die ehemalige Zuckerfabrik - stiehlt er Gästen mit Luxuskarosse die Schau: "Ferdinand Schmack und ich fuhren mit unseren kleinen BMW i3 vor - wir waren die Hingucker." Solche Bewusstseinsveränderungen seien auch kulturell bedeutende Ereignisse, nicht nur das Theater am Freitagabend.

Zugegeben, wenn Jürgen Huber mal wieder seine Künstler-Freunde in Polen besucht und durch deren Ateliers streift, wird dem Vollblutmaler schon schwermütig ums Herz. "Ich habe einen 12- bis 14-Stunden-Tag", sagt er, "wenn ich da auch noch ins Atelier wollte, würde mich das überfordern." Schönes Bohème-Leben, ade! "Ich war ja vorher schon bekannt", sagt der 60-Jährige, "aber seit ich als Vertreter des Oberbürgermeisters rumlaufe, muss ich mich wirklich zusammenreißen." Schließlich: "Als Künstler kann man sich alles erlauben, als Bürgermeister eher nicht."

Outlaw ist out

Das sei zwar schade, andererseits sei er ja sehenden Auges in dieses Amt marschiert. Außerdem, trotz aller Sympathie für Outlaws sei das Bohème-Milieu als Künstlertopos längst etwas Nostalgisches. Und da ist Jürgen Huber dann doch lieber Avantgarde im Umweltamt als Trauerkloß einer untergegangen Epoche.
Weitere Beiträge zu den Themen: Koalition (5296)November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.