BezirksbürgermeisterRadek Klíma will 5. bezirk aufwerten
Kein Prater für Prag

"Unser Stadtteil, aber auch die ganze Stadt Prag, hat keine wirklich bedeutende Attraktion." Radek Klíma, Bürgermeister des 5. Prager Stadtbezirks, wollte ein Wahrzeichen. Er stellte sich ein Riesenrad vor.

Prag. Bruno Ganz hätte sich womöglich gefreut. Der Schweizer Schauspieler guckt als überdimensionales Engel-Damiel-Abziehbild aus dem Wim-Wenders-Film "Der Himmel über Berlin" von der Fassade eines Einkaufstempels im Prager Stadtteil Smíchov auf das Gewimmel unter sich.

Viel Gewimmel


Abwechslung hat er eigentlich genügend: Die Kreuzung Andel (Engel) zu seinen Füßen wird von gleich neun Straßenbahn- und Buslinien frequentiert. Die spucken, wie die Metrolinie B, fortlaufend Menschen aus, die zum Shopping kommen oder eine der Restaurants und Kneipen der Gegend entern, um es sich für ein paar Stunden gutgehen zu lassen. Das Gewimmel ebbt am späten Abend zwar ab, völlig jedoch nie. Könnte besagtes Abziehbild von Bruno Ganz überhaupt sehen und dann noch den Blick weiter schweifen lassen, dann würde es die Gebäude der 1871 gegründeten Smíchover Brauerei erblicken, in denen das "Staropramen" gebraut wird. Noch ein Stück weiter beginnt das linke Ufer der Moldau.

Dort hätte Ganz in ein paar Jahren ein neues "Wahrzeichen der Stadt" im Blickfeld haben können - ein gewaltiges Riesenrad Londoner Größenordnung, das sich der Bürgermeister dieses 5. Prager Stadtbezirks, Radek Klíma, so sehr gewünscht hat: "Unser Stadtteil, aber auch die ganze Stadt Prag, hat keine wirklich bedeutende Attraktion. Wir haben dafür den richtigen Platz gefunden. Das Riesenrad soll zwar im denkmalgeschützten Stadtzentrum stehen, aber doch deutlich an dessen Rand. Dort stört es eigentlich niemanden, und es verschandelt auch nicht die Architektur in der Umgebung. Hinter dem Riesenrad ist lediglich die Mauer der Brauerei. Durch diesen Plan würden wir vor allem eines unserer Ziele erfüllen, das lautet: unsere Uferpromenade zu beleben."

Abgesehen davon, dass Klíma mit seiner Bemerkung von den völlig fehlenden Attraktionen Prags für Hohn und Spott sorgte; niemand außer ihm und seinen Stellvertretern will das Riesenrad. Da half auch nicht der Hinweis, dass monatlich umgerechnet 2000 Euro Miete in seine Stadtbezirkskasse wandern würden. Das ist eh ein eher zu vernachlässigendes Sümmchen. Klíma geht es auch mehr darum, Touristen von den üblichen breitgetretenen Pfaden zwischen Altstadt und Burg endlich auch in seine Ecke zu locken.

5. Bezirk nicht attraktiv


Und im 5. Prager Bezirk gibt es in der Tat bislang nicht viel Verlockendes, sieht man von der Bertramka ab, einer Gedenkstätte für Mozart, den die Prager mehr liebten als die Wiener, was den Maestro zu dem Satz veranlasste: "Meine Prager verstehen mich." Hinter Andel und der Bertramka kommen irgendwann nur noch die für Touris nicht sonderlich interessanten Plattenbau-Schlafsiedlungen im Westen der Stadt.

Bürgermeister Klíma war klar, dass er auf Proteste stoßen wird. Die lautesten kamen von den Denkmalschützern. Auch wenn das Riesenrad "ganz deutlich am Rand" der Denkmalschutzzone stehen würde. Auch dieser "Rand" gehört aber zu dieser Zone. Und mit der lassen die Denkmalschützer in Prag nicht spaßen. Zudem: Die Opposition in Prag 5 sprach schlichtweg von "Größenwahn". Prags Oberbürgermeisterin Adriana Krnacová meinte nicht ganz zu Unrecht, die Stadt habe reichlich Anziehungspunkte für Touristen. Und überdies stehe im Vergnügungspark auf dem Messegelände bereits ein Riesenrad. "Am Ende wird Prag als die Stadt berühmt werden, die fünf Riesenräder hat", giftete Krnacová höhnisch.

Bezirksbürgermeister Klíma reagiert zunehmend genervt. Die ganze Debatte sei typisch für Prag, wo man prinzipiell mit dem Istzustand zufrieden sei und alles Neue strikt ablehne. Das sei so beim kleineren Nachbau des Pariser Eiffelturms auf dem Petrín, dem Laurenziberg, gewesen oder auch beim hypermodernen Projekt des "Tanzenden Hauses" am linken Moldauufer. "Wie viele Leute haben sich gegen das 'Tanzende Haus' ausgerechnet am Ufer des Flusses gewehrt? Und jetzt ist es eine der Hauptattraktionen der Stadt", schimpft er. Und dann greift er ganz tief in die Kiste der (nicht ganz unberechtigten) Klischees, die jeder Tscheche über sich kennt: "Die Kritik an meinem Projekt ist fortschrittsfeindlich und nichts anderes als ein Ausdruck des typisch tschechischen Neids". Das saß.

Kinderspielplatz wichtiger


Damit hat der Bezirksbürgermeister freilich auch die letzten Sympathien für sein tolles Riesenrad-Projekt verloren. Mehr noch: die Opposition hatte es gleich noch viel leichter, ein "richtiges" Hindernis für Klímas Pläne auszumachen, an dem auch er selbst schlecht vorbei kommt: Würde das Riesenrad gebaut, dann müsste ein Teil eines nagelneuen Kinderspielplatzes platt gemacht werden, der den Bezirk viel Geld gekostet hat und der bei Kindern wie Eltern höchst beliebt ist.

Das war's dann wohl mit dem Riesenrad von Smíchov. Es wird vorerst kein Prager Pendant zu Riesenrädern in London, Melbourne oder Singapur geben. Aber das Riesenrad im Wiener Prater ist für die Prager ja nur ein paar Zugstunden entfernt.

Die Kritik an meinem Projekt ist fortschrittsfeindlich und nichts anderes als ein Ausdruck des typisch tschechischen Neids.Radek Klíma, Bürgermeister des 5. Prager Stadtbezirks
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