BHS Corrugated wählt die Zukunft

BHS Corrugated, der Weltmarktführer in der Herstellung von Wellpappenanlagen, investiert am Hauptsitz in Weiherhammer 45 Millionen Euro in einen neuen Bürokomplex mit integrierter Montagehalle, Restaurant und Produktionshalle. Geschäftsführer Christian Engel erläutert, wie mit der besonderen Architektur zugleich auf eine neue interne Kommunikations-Philosophie gesetzt wird.

Herr Engel, allerorten geht das Schlagwort Industrie 4.0 um. Jetzt lesen wir, dass sich BHS mit Corrugated 4.0 für die Zukunft rüstet. Worum geht es da im Kern?

Christian Engel: Bei Industrie 4.0 geht es ja um die Digitalisierung der Welt. Bei Corrugated 4.0 muss man sich fragen: Was bedeutet das für eine Wellpappenfabrik? Es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass Verpackung ganz stark individualisiert wird. Losgrößen, die heute in Fabriken produziert werden, werden kleiner und kleiner, theoretisch ist die Losgröße "1" möglich. Dazu kommuniziert das herzustellende Produkt mit den Herstellungsmaschinen, wie was wann wo produziert wird. Im Grunde genommen geht es um eine hochindividualisierte Verpackung.

Nennen Sie uns ein Beispiel!

Meine Assistentin, Sie und ich bestellen uns das gleiche Produkt, aber auf Ihrer Schachtel ist Ihr Gesicht, auf der Schachtel meiner Assistentin deren Gesicht und auf meiner Schachtel ist mein Gesicht .

Digitalisierung und Individualisierung gehen also einher?

Ja. Das sind die treibenden Kräfte. Die Menschen werden generell in den nächsten zehn Jahren einen Wandel durchschreiten, dass sich alle gehörig wundern werden. Aber was bedeutet das für unsere Maschinenentwicklung? Für unser Serviceangebot? Für die Organisation der BHS Corrugated weltweit? Für die Personalpolitik? Corrugated 4.0 wird auch bei BHS Corrugated zu ganz erheblichen Veränderungen führen. Wir sind natürlich darauf vorbereitet, ein äußeres Kennzeichen ist zum Beispiel so ein Gebäude, wie wir es errichten. Innerhalb dieses Gebäudes sortieren wir uns ganz neu, nach ganz anderen Maßstäben als bisher. Es hat fünf Geschosse. Im fünften Geschoss sitzt die Geschäftsleitung, aber auch 50 Mitarbeiter, die das Thema Digitalisierung im Auge haben - in all den Facetten, die wir eben besprochen haben. Und wir, die Geschäftsführung, wollen genau mittendrin sitzen, denn was ich nicht sehe, gibt's nicht. Und was ich nicht höre, weiß ich nicht. Das ist so. Und die Leitung darf nicht den Zug in die Zukunft verpassen.

Es geht also ganz allgemein um Information?

Genau. Es geht in allen Branchen darum, wer aus vorhandenen Informationen das meiste macht! Es kann auch sein, dass in dieser Digitalisierung der Welt völlig neue Konkurrenten auftreten, die wir heute überhaupt noch nicht kennen, welche mit Maschinenbau überhaupt nichts zu tun haben. General Electric ist zum Beispiel eines der wandlungsfähigsten Unternehmen der Welt. Die haben vor einigen Monaten eine neue Sparte mit dem Namen Digitalisierung erschlossen - das bedeutet bei denen eine Milliarden-Investition mit Tausenden von Angestellten. Und diese Sparte wird rausgehen in die Fabriken der Welt und wird sagen: Gebt uns eure Daten, wir steuern eure Prozesse und dann schaut mal, ob ihr nicht mehr Geld verdient als vorher. So wird das kommen. Und die etablierten Lieferanten einer XY-Branche, die werden schauen. Unter Umständen recht dumm. Dieses 4.0 konfrontiert alle Unternehmen mit dieser Datenverarbeitungstechnologie, die die meisten überhaupt nicht gewohnt sind. Es sei denn, sie kommen aus dieser Branche.

BHS ist dann also darauf vorbereitet. Aber wird das Unternehmen davon auch profitieren können?

Ich bin guten Mutes, dass da neue Betätigungsfelder für uns entstehen werden. Und wir werden das auch meistern. Es gibt schon heute viele Einzelprojekte und ich bin zuversichtlich, dass da noch Super-Sachen entstehen werden. Diese sind alle sehr dienstleistungslastig.

In diesem Bereich sind Sie ebenfalls bereits tätig?

Das Dienstleistungs-Zeitalter hat BHS Corrugated im Jahre 2000 eingeläutet, als wir damals unser Service-Gebäude und unser Innovisioncenter errichtet haben. Da drin entstehen keine Maschinen, aber es entstehen Leistungen, für die ein Großteil unserer Kunden sehr gerne und sehr viel zahlt.

Wie groß ist der Anteil dieser Service-Leistungen am Umsatz?

Fast die Hälfte des Geschäfts von BHS Corrugated wird im industriellen Dienstleistungsgeschäft erbracht. Wir machen unsere Kunden tagtäglich profitabler. Hier haben wir weltweit Maßstäbe gesetzt. Zusammengefasst darf ich sagen, dass unsere Ausgangslage bei 4.0 super ist. Mir ist nicht bekannt, dass unsere Wettbewerber ähnlich aufgestellt sind. Insgeheim hoffe ich jedoch, dass sie zu denen gehören, die etwas dumm gucken.

Wie viele Mitarbeiter werden im neuen Gebäude untergebracht?

Rund 400. Diese sind heute in vier Häusern und 13 Abteilungen kreuz und quer verteilt. Zukünftig gibt es dort ein technisches Geschoss, ein Vertriebsgeschoss und ein Geschoss der formellen Kommunikation. Das Gebäude ist so angelegt, dass die informelle Kommunikation gefördert wird. Man kann in einem kurzen Face-to-Face-Gespräch so viele Themen erledigen, das bringen Sie mit fünf Mails nicht weg. Und was da immer hinten dranhängt - das ist ja fürchterlich. Wir wollen Kommunikation wieder so, wie es früher gang und gäbe war: In der Pause, beim Mittagessen, auf dem Gang, auf dem Nachhauseweg etc. Das ist uns irgendwie abhanden gekommen. Jeder guckt nur noch in sein iPhone rein - das ist ja Wahnsinn. Das werden wir bei der BHS Corrugated wieder einfangen.

45 Millionen Euro Investition kann sich nur ein wirtschaftlich potentes Unternehmen leisten. Wie ist die aktuelle Lage?

Unsere Auftragslage ist so gut wie schon lange nicht mehr. Wir werden nächstes Jahr an die 450 Millionen Euro Umsatz haben. BHS Corrugated hat sich in den vergangenen Jahren rasant vergrößert. Wir müssen aber eines im Hinterkopf behalten: Seit der Finanzkrise geht es stetig bergauf. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals zehn Jahre lang bergauf gegangen wäre. Ich kann mich aber erinnern, dass es alle zehn Jahre erheblich scheppert ...

Gibt es Absicherungsmechanismen gegen den nächsten Crash in der Weltwirtschaft?

Wir arbeiten zum Beispiel generell an Partnernetzwerken. Wir suchen auch in der Region Partner, die uns in ausgewählten Segmenten unterstützen. Dazu zählen in Pressath die Firma Corrserve und in Weiherhammer die Elektrotechnik Unger GmbH. Im Grunde genommen geht es um Spezialisierungen und kleinere Serien. Und das wollen wir auch international ausbauen.

Da ist unsere Region quasi ein Testfeld?

Richtig. Und da es hier funktioniert, müsste es auch anderswo funktionieren. Und genau das planen wir generalstabsmäßig.

Stichwort Region: Wie beurteilen Sie die Prognosen des demografischen Wandels für unsere Region?

Also, die möchte ich schon in Frage stellen. Diese Prognosen wurden ja vor langer Zeit gemacht. Die müssten überhaupt mal reprognostiziert werden - auf der Grundlage aktueller Daten. Erstens bleiben 80 Prozent der Hochschulstudenten in der Region. Das wirkt dem schon einmal entgegen. Der Ausbau der Hochschule und der Gewerbegebiete wird vorangetrieben. Hier passiert sehr viel.

Sie haben im September die Zusammenarbeit mit der OTH ausgebaut. BHS Corrugated stellt die nächsten fünf Jahre 150 000 Euro jährlich für den Forschungsetat der OTH zur Verfügung.

Ich bin seit zehn Jahren der Vorsitzende des Hochschulrats. Als scheidender Vorsitzender wünsche ich mir, dass auch nach meiner Zeit die Kooperation zwischen Unternehmen und OTH funktioniert. Wir sind im Partner-Circle der Hochschule und generell ein Unternehmen, welches die Hochschule sehr stark fördert. Morgen trifft sich zum Beispiel unser wissenschaftlicher Beirat. Hier sitzen Professoren aus Weiden, Amberg und Regensburg an einem Tisch, um Projekte zu initiieren, die sowohl BHS Corrugated als auch die Hochschule gemeinsam voranbringen - ein sehr fruchtbares Unterfangen. Aber nicht nur die BHS Corrugated, sondern wir alle hier in der Region sollten froh sein, dass weise Männer vor 20 Jahren beschlossen haben, einen Hochschul-Doppelstandort zu gründen. Dies hat sich mehr als ausgezahlt. Und warum sollte sich unsere Region um Weiden und Neustadt nicht zu einem Mikromagneten entwickeln? Warum sollen wir nicht Mittelpunkt eines Bildungsnetzwerkes werden? Sorry, aber die Leute bleiben ja nicht hier, weil sie ins Theater gehen wollen. Das ist auch schön, aber das wird nicht helfen. Wo Bildung ist, siedeln sich Unternehmen an. Aufgrund dessen sehe ich noch lange nicht, dass wir hier in ein demografisches Desaster rasen.

Vielen Dank für das Gespräch.
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