"Bleiben wir neugierig!"

Der Leiter der IHK-Geschäftsstelle Amberg-Sulzbach, Johann Schmalzl, über sein Tagesgeschäft, Lage und Perspektive "unserer Unternehmen" und warum er sich Sorgen macht, dass sich immer mehr Menschen gegen Veränderungen stemmen.

Welche Themen beschäftigen Sie momentan als Geschäftsführer der IHK-Geschäftsstelle Amberg-Sulzbach am meisten?

Johann Schmalzl:Da gibt es eine lange Liste. Spontan fällt mir die Fachkräftesicherung ein. Unsere Ansatzpunkte sind hier zum Beispiel eine jährliche Ausbildungsmesse und Qualifizierungsangebote für die Beschäftigten. Auch der Breitbandausbau steht auf meiner Agenda. Mit Veranstaltungen zu diesem Thema informieren wir über den Nutzen der Digitalisierung. Aktuell sind wir darüber hinaus mit dem IHK-Gremium in die Planungen für die Weiterentwicklung der Amberger Innenstadt eingebunden. Zur Stärkung der Innovationskraft und der technologischen Kompetenz unserer Unternehmen kümmere ich mich aber auch um den Know-how-Transfer von der OTH in die Unternehmen. Daneben habe ich Fragen zu Existenzgründungen auf dem Tisch, zu Unternehmensnachfolgen, bin als Gutachter unterwegs und, und, und.

Wie stehen Amberg und das Sulzbacher Land im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands und Ostbayerns da?

Der Raum Amberg-Sulzbach hat sich sehr positiv entwickelt und steht im Vergleich zu vielen anderen Regionen heute sehr gut da. Das belegt die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. So haben die Unternehmen im Raum Amberg-Sulzbach in den letzten zehn Jahren mehr als 8000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeitslosenquote für den Landkreis Amberg-Sulzbach zeigt mit 2,8 Prozent, dass wir fast Vollbeschäftigung haben...

...und das auch dank einer ausgewogenen Wirtschaftsstruktur.

Ja, wir haben eine gesunde Wirtschaftsstruktur mit vielen international erfolgreichen Unternehmen und einem guten Branchenmix. Kennzeichnend für den Raum Amberg ist der hohe Anteil an Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe. Rund 45 Prozent aller Arbeitsplätze bestehen in diesem Sektor. Bundesweit ist das nur noch ein Drittel. Viele unserer Betriebe haben ihre Kompetenzen in wichtigen Zukunftstechnologien, wie dem Maschinenbau sowie der Automatisierungs- und der Steuerungstechnik.

Auch die Exportzahlen lassen aufhorchen.

Das stimmt. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen wird durch eine hohe Exportquote von rund 67 Prozent nachhaltig belegt. Bayernweit liegt diese nur bei rund 50 Prozent. Bei ihrer technologischen Kompetenz profitieren unsere Unternehmen dabei sehr stark von der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Amberg. Sie bekommen von der OTH nicht nur gut ausgebildete Ingenieure, sondern profitieren in gemeinsamen Entwicklungsprojekten auch vom Know-how der Professoren.

Wie wird sich die nördliche Oberpfalz, insbesondere die Region Amberg und der Landkreis Amberg-Sulzbach in den nächsten 20 Jahren verändern?

Mit Blick auf die demografische Entwicklung stehen wir vor großen Herausforderungen. Ohne Zuwanderung wird die Zahl der Erwerbspersonen im Raum Amberg in den nächsten 15 Jahren um 10 000 sinken, weil viele Ältere in Rente gehen und deutlich weniger Nachwuchskräfte eine Stelle suchen. Spürbar ist das bereits auf dem Ausbildungsmarkt, wo 2014 rund 200 Lehrstellen nicht besetzt werden konnten, weil die Bewerber fehlen. Deshalb muss der Fokus für das Standortmarketing bei Fachkräften, jungen Familien und Migranten liegen. Diese Veränderungen bieten aber nicht nur Risiken, sondern auch Chancen.

Wo sehen Sie Chancen?

Insbesondere für unsere Industrieunternehmen sehe ich gute Perspektiven, weil sie es gewohnt sind, sich schnell auf Veränderungen einzustellen. Durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen Unternehmen haben sie in den vergangenen Jahren ihre Innovationskraft quer durch alle Branchen weiter verbessert. Das hilft zukünftig im internationalen Wettbewerb. Einige Betriebe werden die Internationalisierung ihres Geschäfts vorantreiben müssen. Konkret sehe ich für unsere Unternehmen mit Kompetenzen in der Automatisierungstechnologie neue Marktchancen, weil in vielen Betrieben fehlende Fachkräfte durch technische Lösungen ersetzt werden müssen. Entwicklungsperspektiven sehe ich auch im Dienstleistungssektor. Dort hat unser Raum im überregionalen Vergleich noch Nachholbedarf.

Gibt es auch Risiken?

Aber natürlich. Sorge macht mir zum Beispiel, dass es einen wachsenden Widerstand gegen notwendige Veränderungen und gegen wichtige Zukunftsprojekte gibt.

Was meinen Sie damit konkret?

Ob Stromtrassen oder ein Flughafenausbau, ob internationale Handelsabkommen oder notwendige Gewerbegebietsausweisungen: Fast überall formiert sich Widerstand. Interessant ist dabei, dass es immer häufiger die Altersgruppe der 50- bis 75-Jährigen ist, die gegen wichtige Zukunftsprojekte auf die Straße geht. Wissenschaftler haben festgestellt, dass es sich dabei häufig um gebildete und gut situierte Bürger handelt, die mit ihrer persönlichen Situation zufrieden sind und sich deshalb gegen Veränderungen stellen. Dabei ignorieren sie oft wissentlich, dass sie mit ihrem Widerstand auch die Zukunftschancen der jungen Generation gefährden. Aber alle positiven Entwicklungen in der Welt und auch bei uns waren nur möglich, weil es Menschen gab, die neugierig waren, die Neues gewagt und sich auf Veränderungen eingelassen haben. Bleiben wir also neugierig, die Region wird davon profitieren.
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