Briefe an die Redaktion Familie und Beruf nirgendwo besser zu verwirklichen als in einer freiberuflichen Tätigkeit

Zum Bericht über die Bürgerversammlung in Waldsassen mit dem Schwerpunkt "Medizinische Versorgung" (NT, 24. November):

Brauchen Ärztinnen grundsätzlich andere Wege zur Berufsausübung als die freiberufliche Niederlassung ? Ist diese Tatsache der Grund für den Ärztemangel in der Region ? Diesen Eindruck erwecken jedenfalls die kompetenten Ansprechpartner. Damit sind sie nicht allein, sondern spiegeln die Öffentlichkeitsarbeit von Politik und Krankenkassen wider.

"Die KVB muss unheimlich viel machen" sagte Dr. Maria Luise Vogel, Hausärztin von der KVB. Da muss ich, selbst niedergelassene Ärztin für Orthopädie aus ländlicher Region in Unterfranken und Mutter zweier Söhne, der Kollegin Vogel uneingeschränkt Recht geben. Nur die Notwendigkeit der angepriesenen Patentlösung mit Anstellung in einem medizinischen Versorgungszentrum will mir nicht einleuchten.

Das mag für einige Kolleginnen und Kollegen zutreffen. Seit Jahrzehnten stellen jedoch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte unter Beweis, wie flächendeckende ambulante Versorgung der Bevölkerung mit dem Wunsch nach einer individuellen, schnellen und effektiven (aus Sicht des Patienten) Behandlung funktionieren kann.

Jetzt fehlen Nachfolger und die Feminisierung soll der Grund sein ? Was brauchen Frauen mit Kindern: Flexibilität, Teamwork, selbstbestimmtes Zeitmanagement - um nur einige Punkte zu nennen. Wo kann man diese Bedingungen besser verwirklichen als in freiberuflicher Tätigkeit ? Richtig - nirgendwo. Es gibt aber einen Knackpunkt, Frau Vogel. Und dieser ist wissenschaftlich erwiesen: Frauen sind risikoscheuer als ihre männlichen Kollegen. Risiko, das ist das Zauberwort. Hier müssen Sie ansetzen.

Senken Sie das Risiko im Rahmen der Niederlassung, beenden sie die Angst vor Regressen für die Behandlungsmaßnahmen am Patienten, beenden Sie die Einschränkung der beruflichen Freiheit durch sinnlose Überwachungsbürokratie und übertriebene Qualitätssicherungsmaßnahmen auf Klinikstandard, sorgen Sie für angemessene und feste Honorare. Wie ein Wunder wird es alsbald nicht mehr an Kolleginnen und Kollegen mangeln, welche ihren Traumberuf auch auf dem Land ausüben wollen. Egal ob Männlein oder Weiblein - ohne entsprechende Anerkennung wird es nicht klappen.

Das häufig gehörte Argument, dass die Mehrheit der Generation Y nach unselbstständigen Stellungen strebt, entspricht nicht der gelebten Realität und verkennt die Kreativität und den Gestaltungswillen dieser Generation.

Die neue Vision von der Versorgung durch angestellte Ärzte á la Poliklinik nach dem Vorbild der DDR, gefördert von Politik/Klinik-Konzernen und Krankenkassen, dürfte den Bürgern - gewöhnt an ihren Haus-oder Facharzt, der unabhängig von wirtschaftlichen Interessen Dritter (MVZ Leitung etc.) behandelt - bald negativ aufstoßen. Ob's dann zu spät ist ? Wir Frauen haben bereits unter Beweis gestellt, dass wir unseren "Mann" stehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Ich habe jedenfalls mit Freude meine Anstellung hinter mich gelassen, um endlich selbstbestimmt meine Zeit mit der Familie managen zu können und meine Patienten nach bestem Wissen und Gewissen zu versorgen.

Wir müssen viel tun, packen wir's an, Frau Kollegin Vogel, und schaffen wir die Rahmenbedingungen für die freiberufliche Tätigkeit in der Niederlassung als Haus-oder Facharzt.

Dr. Astrid SchmidtDelegierte der bayerischen Landesärztekammer,Fachärztin für Orthopädie, Miltenberg
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