Cyber-Kriminelle nehmen immer häufiger Kliniken ins Visier
Aggressive Viren in Krankenhäusern

Nürnberg. Im digitalen Zeitalter tun sich immer mehr Wege für Kriminelle auf, an Geld zu kommen. Besonders beliebt bei Cyber-Kriminellen sind derzeit Erpressungsversuche: Eine E-Mail, infiziert mit Software, wird verschickt, ein Angestellter macht sie auf und klickt einen Link an. Die Software macht sich im System breit und verschlüsselt die Daten. Um sie zu entschlüsseln, soll die Klinik zahlen. Eine Klinik in Neuss etwa fuhr das gesamte IT-System herunter, um ein Ausbreiten von sogenannter Ransomware zu verhindern. Operationstermine wurden verschoben. Doch manche IT-Experten warnen, Gesundheitseinrichtungen würden das Problem noch nicht ausreichend ernst nehmen. Dabei sind diese Angriffe aus ihrer Sicht erst der Anfang - und Erpressungen nur die Spitze des Eisbergs. "Cyber-Kriminelle haben den Gesundheitssektor als lukrative Industrie entdeckt", sagt der europäische Technikchef von Intel Security, Raj Samani, bei einem Expertenforum in Nürnberg. "Es entwickelt sich ein Markt für gestohlene Gesundheitsdaten." Intel Security hat recherchiert, dass in den USA medizinische Datensätze für Preise zwischen drei US-Cent und 2,40 US-Dollar verkauft werden. Das sei zwar noch nicht so lukrativ wie Finanzdaten, aber für die Geschädigten verheerender.

Gefährdungslage hoch


Denn Kreditkarten kann man sperren und ersetzten lassen, Gesundheitsdaten - Namen, Adresshistorien, Sozial- und Rentenversicherung - nicht. Zu einem solchen Diebstahl von Patientendaten kommt es nach Einschätzung von Experten in Deutschland zwar noch nicht. "Aber zu sagen, dass das nicht in Deutschland passieren kann, ist gefährlich", sagt Samani. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stuft die Gefährdungslage durch Ransomware als hoch ein. Noch gilt für Krankenhäuser gemäß IT-Sicherheitsgesetz keine Meldepflicht, sagt das BSI. Allerdings haben in einer Umfrage 78 von 89 befragten Gesundheitseinrichtungen heuer Angriffe verzeichnet. Allein in Bayern sind laut Landeskriminalamt in diesem Jahr bislang 13 Anzeigen eingegangen - 2015 waren es 2. Aus Sicht von IT-Experte Mark Semmler sind die meisten Kliniken nicht gewappnet. Oft komme Medizintechnik nicht mit ausreichendem IT-Schutz von den Herstellern. Zudem sei das Personal oft nicht ausreichend geschult. Bei einigen Kliniken fehle es aber auch am Basisschutz: Firewalls, gute Anti-Viren-Systeme, regelmäßige Kontrollen der Datensicherung, ein segmentiertes Netz. Der Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen und -Leiter sieht die Lage weniger problematisch. Bereits wegen der Verwaltung großer Mengen an personenbezogenen Daten hätten Krankenhäuser aber schon immer einen hohen Schutz gewährleisten müssen. Allerdings fehle oft das Geld für einen Ausbau.

Neue Angriffspunkte


Das könnte zunehmend ein Problem werden, je stärker Patienten und Krankenhäuser vernetzt werden. "Jeder neue Kommunikationsweg gibt neue Angriffsmöglichkeiten", sagt Kurt Marquardt von der Rhön-Klinikum AG.

Cyber-Kriminelle haben den Gesundheitssektor als lukrative Industrie entdeckt.Raj Samani, Technikchef von Intel Security
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