Das Arbeitszeugnis richtig lesen
Doppeldeutig formuliert

(dpa/tmn) Bekommen Mitarbeiter ein Arbeitszeugnis, müssen sie zwischen den Zeilen lesen. Denn nur, weil die Bewertung vom Chef gut klingt, müsse sie noch lange nicht gut sein, sagt Günter Huber. Er ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Autor des Buches "Das Arbeitszeugnis in Recht und Praxis". Verlassen Berufstätige ihr Unternehmen, zum Beispiel bei einem Jobwechsel, haben sie Anspruch auf ein solches Arbeitszeugnis (Paragraf 109 Gewerbeordnung). Doch worauf sollten Berufstätige beim Zeugnis achten? Und wie können sie die Formulierungen richtig durchschauen?

Einfaches oder qualifiziertes Arbeitszeugnis: In einem einfachen Arbeitszeugnis stehen lediglich die persönlichen Daten und die Dauer der Beschäftigung. Ein qualifiziertes Zeugnis hingegen enthält eine Leistungs- und Verhaltensbeurteilung. Arbeitnehmer können sich für eine der beiden Varianten entscheiden. Huber rät allerdings zu einem qualifizierten Zeugnis. "Bei einem einfachen vermutet man automatisch, dass der Mitarbeiter schlecht war."

Formulierungen in Schulnoten übersetzt: Die Formulierung "stets zur vollsten Zufriedenheit" ist gleichbedeutend mit der Schulnote "sehr gut". Dabei kann das "stets" auch mit den Worten "immer" oder "jederzeit" ausgetauscht sein. Um ein "gut" handelt es sich beim Ausdruck "stets zur vollen Zufriedenheit". Arbeitnehmer, die die Worte "zur vollen Zufriedenheit" in der Bewertung finden, haben nur ein befriedigendes Zeugnis bekommen. Wer sich "stets bemüht" hat, die Anforderungen zu erfüllen, hat die schlechteste der möglichen Beurteilungen erhalten.

Beurteilungen, die nicht fehlen sollten:"Wird bei einem Manager lediglich betont, dass er immer pünktlich war, stimmt etwas nicht", sagt Huber. Denn im Zeugnis sollten die Leistungen bewertet werden, die maßgeblich für den Job sind.

Zweideutige Formulierungen: Steht im Zeugnis, dass sich jemand gut mit den Kollegen verstanden hat, klingt das erst einmal positiv. Doch so eine Formulierung kann bedeuten, dass der Mitarbeiter geschwätzig war oder sich im Betriebsrat engagiert hat. "Solche Aussagen werden allerdings relativiert, wenn außerdem hervorgehoben wird, dass das Verhalten des Mitarbeiters stets einwandfrei war", erklärt Huber. Angestellte, die sich nur "stets einwandfrei gegenüber Kollegen" verhalten haben, sollten sich über diese Einschätzung allerdings nicht freuen. Denn was ist mit dem Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Geschäftskunden?

Schlusssatz: Eine fehlende Dankesformel kann das Zeugnis abwerten. Steht hier "Wir wünschen Herrn Schmidt viel Erfolg für die Zukunft", hört sich das zwar gut an. Besser wäre allerdings, wenn der Vorgesetzte Herrn Schmidt "weiterhin viel Erfolg" wünschen würde.
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