Der Energiewende-Standort lebt

Zwei Anwender diskutieren die ins Stocken geratene Energiewende: OTH-Professor Markus Brautsch und Solarunternehmer Siegfried Schröpf stellen der Politik kein gutes Zeugnis aus - und zeigen Potenziale einer echten Wende auf.

Es gibt eine Energiewende von unten: Anders als Offshore-Windparks in der Nordsee und Trassen, die Kohlestrom nach Bayern transportieren sollen, sind die Konzepte des OTH-Professors Markus Brautsch und die Installation von PV-Anlagen auf Einfamilienhäusern und Firmendächern durch Siegfried Schröpfs Unternehmen Grammer Solar kein verordnetes Konstrukt. Brautsch hat mit seinem An-Institut alternative Energie-Konzepte für die Stadt Weiden und viele andere Kommunen erstellt. Er meint, die Energiewende in Ostbayern ist besser als ihr Ruf.

"Wenn man Rückschau auf die vergangenen vier Jahre hält, haben wir für rund 250 Oberpfälzer Kommunen einen Energienutzungsplan gemacht", bilanziert der Professor. "Wenn die politischen Rahmenbedingungen stabil sind, dann gelingt das sehr gut." Im Weidener Klinikum etwa habe sein Institut zwei große Blockheizkraftwerke und ein Wärmeverbundnetz zusammen mit den Stadtwerken realisiert: "Ich möchte die ausdrücklich loben", freut sich Brautsch über die Tatkraft der städtischen Tochter. "Die setzen das konkret und zeitnah um."

Gift für Investitionen

"Totales Gift für wichtige Entscheidungen", seien ständige Korrekturen an den Rahmenbedingungen für die Einspeisung des regenerativen Stroms. "Wir steigern ständig die Effizienz unserer Anlagen, aber gebaut wird nur, wenn stabile Bedingungen herrschen." Das kann Grammer-Solar-Geschäftsführer Siegfried Schröpf nur bestätigen: "Dann werden auch PV-Anlagen gebaut." Aber genau an dieser Gewissheit habe es in den letzten zwei Jahre gemangelt. "Investoren sind es müde, sich in so eine strittige Geschichte einzubringen." Die Lobbyisten der Konzerne hätten die Politik zu einer Kehrtwende veranlasst. Und die Verunsicherung durch die Politik habe die Energiewende ins Schlingern gebracht.

Diese Krise der Wende birge allerdings auch neues Innovationspotenzial, meint der Forscher: "Wir müssen noch stärker auf Energieeffizienz setzen, die Eigenstromnutzung forcieren, und ganz neu auf den Schirm kommt die Regelenergie. Der Vorteil: "Energie steht auch dann zur Verfügung, wenn Wind und Sonne wegbrechen - ich kann mein Blockheizkraftwerk zurückschalten, wenn kein Bedarf ist." Auch ein großes Thema seien Wärmenetze: "In Wackersdorf, Weiden oder Kemnath etwa kann man die Abwärme aus den Betrieben in kommunale Wärmeverbünde einspeisen." Auch Photovoltaik habe eine wichtige Rolle im Pool der erneuerbaren Energien. "Wir haben in der tagespolitischen Debatte krasse Fehlentwicklungen - der Klimaschutz ist wieder völlig vom Tisch gefegt."

Man habe einen Anschub geleistet, sagt Unternehmer Schröpf, ein Markt sei entstanden und mit ihm Unternehmen, die Wissensvorsprünge erobern konnten. "Folgerichtig muss es nun heißen: Wie bringen wir das koordiniert zusammen und in stabile Netze?" Traurige Realität sei allerdings auch, dass die politischen Rochaden, viele neue Unternehmen vom Markt gefegt oder stark geschwächt hätten.

"China hat die Solarfirmen mit 53 Milliarden Euro finanziert, weil man dort überzeugt ist, dass Solarenergie die Zukunft ist." Jetzt würden die Chinesen die Substanz guter deutscher Unternehmen aufkaufen. "Der deutsche Solarmarkt ist auf ein Viertel geschrumpft, da ist nichts mehr zu regeln." Die Zahl der Arbeitsplätze in der Solarbranche sei um 50 000 geschrumpft: "Da ist Ostbayern stark betroffen, weil das Arbeitsplätze am flachen Land, nicht im Zentrum sind." Weil sie sich aber auf viele kleine und mittlere Unternehmen verteilten, sei anders als bei Konzernen kein politischer Druck erwachsen.

Als wenig hilfreich bewertet Brautsch das "neue EEG", von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel großspurig als Energiewende 2.0. etikettiert. "Man hat in der gesamten Novellierung die Prioritäten falsch gesetzt", findet der Energie-Experte. "Es hat nur eine Umverteilung stattgefunden. Das führt dazu, dass der Ausbau der PV stark eingeschränkt wird, bei der Biomasse wurden Ausbauziele massiv gesenkt - gerade aus Oberpfälzer Sicht sehr bedauerlich." Insgesamt sei die so genannte Energie- eine reine Stromwende: "Keiner diskutiert über die Nutzung der Wärme."

Netzbedarf reduzieren

Besonders betroffen von der veränderten Gesetzeslage ist die Solarbranche. Das findet deren Vertreter Schröpf nicht nur aus geschäftlichen Interessen unverständlich: "Photovoltaik ist eine Technologie vor allem für die kleinen Erzeuger, sie ist sehr leicht runter skalierbar." Und mit einem Mix aus Eigenverbrauch und Energieeffizienz - Stichwort Spitzen mittags nutzen, um den Gefrierschrank aufzuladen - könne man sehr viel dezentral regeln. "Wenn wir regenerative Energien vor Ort erzeugen, können wir den Netzausbau deutlich reduzieren."

Das sieht Brautsch ganz ähnlich: "Wenn wir dezentralisieren, dann führen wir die Diskussion um Speicher und Netzausbau in einer anderer Größenordnung." Anstatt nur über die großen Netze zu reden, sollten die kleinen Distributionsnetze in den Blickpunkt rücken. "Wenn man die Debatte ehrlich führt, wird man die Wertigkeit von Windenergie für Bayern anders bewerten müssen - besonders wenn ich die Kosten der Stromtrassen gegenrechne." Bundespolitisch fehle der große Wurf: "Man muss Erzeugung und Verbrauch gemeinsam betrachten." Immerhin gehe hier Bayern mit dem Instrument des Energienutzungsplanes einen vernünftigen Weg. Die Frage sei: Wo gibt es Erzeugungs-, Einsparungs-, und Effizienzpotenziale, mit welchen Planungsverbünden könne man arbeiten? "Nur so kann ich eine solide Gesamtstrategie ableiten", meint Brautsch. "Wir haben Biomasse- und Windpotenziale, die viel wirtschaftlicher zu erschließen sind als eine Trasse, die Kohlestrom nach Bayern liefert."

"Es ist ein Skandal, dass das saubere und effektive Gaskraftheizwerk Irsching nicht ans Netz geht", kritisiert Brautsch, "aber dafür alte Kohleblöcke laufen und deren Strom zu uns transportiert werden soll." Ökologisch und ökonomisch offensichtlicher Unsinn, der ausschließlich der Braunkohle-Lobby geschuldet sei. Dabei nehme die Regierung in Kauf, dass die konventionellen Ressourcen immer weniger und damit teurer abzubauen sein würden. "Wenn man die globalen Herausforderungen sieht", warnt Brautsch, "und das 2-Grad Ziel in New York im Auge behält, muss die Energiewende viel früher greifen." Die globale Versorgung könne nur über die erneuerbaren Energien erreicht werden. Es sei ein gefährlicher Weg, den man gerade beschreite: "Wie man am Fracking beobachten kann, werden die letzten Resourcen gnadenlos und ohne Rücksicht auf Verluste erschlossen."
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