Der Enkel des Weltstar-Baritons

Martin Otava ist seit Januar neuer Intendant des Pilsener J.-K.-Tyl-Theaters. Der zupackende Prager möchte im neugebauten Stadttheater mit modernster Technik klassisches und modernes Schauspiel sowie Musiktheater zeigen. Bild: Herda
 
Fassade des Neuen Theaters.

Der Mann mit Künstlerschal ist ein Energiebündel. Jederzeit könnte der Wagner-Liebhaber als Lohengrin den Grafen von Telramund niedersingen. Doch Martin Otava, 51, hat als Intendant des Pilsener J.K.-Tyl-Theaters größere Pläne.

"Mit sechs Jahren wusste ich, ich will ins Theater", erzählt der Prager Spross einer Künstlerfamilie. Dabei gab es nur ein Hindernis: Sein Großvater Zdenek Otava war einer der drei größten Baritone des Jahrhunderts - und der hatte partout was dagegen, dass sein Enkel auf die Bühne strebte. "Ich hatte als Kind immer wieder Auftritte, aber immer rief Opa an und sagte, ,hören Sie mal, der soll doch nicht spielen'." Und als der junge Otava den ,kleinen Onkel' im Nussknacker gab, hatte auch noch der Vater was dagegen: "Ballett ist nichts für Jungs", hieß es schlicht.

Opa starb glücklich

Bremsen ließ sich das dramatische Talent des Mimen dennoch nicht. Nachdem er Schule und Kinderrollen entwachsen war, studierte er parallel Schauspiel und Operngesang am Prager Konservatorium, später Opernregie an der Akademie der musischen Künste in Prag. "Ich hatte so großen Respekt vor Großvater, dass ich ohne sein Wissen die Prüfungen ablegte." Als er den Enkel erstmals singen hörte, war er glücklich: "Jetzt habe ich einen Nachfolger", strahlte er. Drei Monate später starb er.

Martin Otava führte Mitte der 1980er Jahre ein künstlerisches Wanderleben: "Ich hatte mit 18 mein erstes Engagement am Prager Theater an den Weinbergen, Vinohrady, und hätte dort bleiben können - aber der KP beitreten müssen." Aus politischen Gründen geht er in die Provinz, macht klassische Operette und Musical in Kolín und Karlín. "Aber ich begann mich immer stärker für die Regie zu interessieren und gründete mit 25 Jahren ein kleines Reisetheater."

Die Karriereleiter erklimmt er im Flug. Seine Fledermaus auf Deutsch in der Prager Staatsoper ist ein Straßenfeger. Die große Eva Randová, von 1995 bis 1998 Intendantin der Staatsoper in Prag, gibt ihm die Chance, drei Opern zu inszenieren: Donizettis "Liebestrank", Ponchiellis "La Gioconada" und Wagners "Lohengrin". Wieder sind Publikum und Kritik begeistert. "Ich hatte danach einen Vertrag bis zur Pension", grinst Otava, "das ist schon was, mit 27 Hausregisseur an der Staatsoper."

"Tja, ein normaler Mensch bleibt da, bis man ihn rausträgt", freut sich Otava diebisch: "Ich will immer was Neues machen." Wieder ist der künstlerische Unruheherd auf der musikalischen Walz in der ganzen Republik unterwegs - und gastiert erstmals mit Donizettis "Viva la Mamma" äußerst erfolgreich in Pilsen: "Ich habe in meiner Karriere drei Städte näher kennengelernt - Prag natürlich, dann Liberec, wo ich meine erste Direktorenstelle bekam und Pilsen, wo ich als Achtjähriger im Tschechischen Rundfunk Aufnahmen für die Redaktion für junge Zuschauer machte." Damals beschloss Otava: "Ich bin ein Prager, aber wenn ich mich mal für eine andere Stadt entscheiden muss, in welcher ich leben kann, dann ist das Pilsen."

"Brauche meine Freiheit"

Klar, über die Goldene Stadt muss man keine Worte verlieren. "Ich behalte mein Einfamilienhaus in Prag - ich bin gerne unterwegs, aber ich brauche mein Refugium." Otava sei als Intendant zwar der Manager des Hauses, aber er bleibe auch Künstler und als solcher benötige er seine Freiheit - neben Gesundheit und Fa-milie das dritthöchste Gut. Im nordböhmischen Liberec hätten sie ihr Theater auch geliebt, ein riesiges Schauspielhaus, der Mittelpunkt der Altstadt. Aber dort hätten die Menschen eine andere Mentalität. "Sie gehen nach dem Stück nach Hause."



In Pilsen gehe man vorher zum Abendessen aus und nachher setze man sich auf ein Glas Wein zusammen. "Theater wird hier zelebriert." Seit 1. Januar ist der Prager nun Chef des Pilsener Theaters - eines Hauses mit der nach Prag zweitältesten Theatertradition. Sein Vorgänger, Jan Burian, hat den tschechischen Olymp bereits erklommen - er wurde zum Intendanten des Nationaltheaters berufen. "Man könnte meinen, das sei mein nächstes Ziel", sagt Otava augenzwinkernd und fügt ernst hinzu: "Ich wollte immer nach Pilsen gehen und habe jetzt überhaupt keine Ambitionen, an die nächste Station zu denken."

Außerdem seien letztlich alle Städte Provinz. Was käme nach Prag? München, London, New York? Nicht auszudenken, schließlich werde auch er älter. "Ich will dieses Theater seriös führen." Dazu gehöre, allen Aufführungen eine Handschrift zu verleihen: "Ich möchte das Theater so führen, dass man einen Stil erkennt, egal ob Oper oder Schauspiel."

Dass Pilsen die einzige Stadt in Böhmen ist, die ein neues Theater errichtete, ist ein weiterer Pluspunkt. Und was für ein Theater - modern und vor allem groß: Ich bin megaloman, mir ist jede Bühne zu klein", lacht er schallend, wie um zu zeigen, dass er mit seiner tragenden Stimme locker das Teatro Massimo in Palermo, Italiens größtes und Europas drittgrößtes Opernhaus, beschallen kann. "Wir haben hier vier Sparten und drei verschiedene Bühnen - mich reizt auch die Technologie so einzusetzen, dass jeder Bereich sein eigenes, unverwechselbares Gesicht bekommt."
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