Der große tschechische Reformator wollte die katholische Kirche stärken
Hus war vorbildlicher Priester

Einen prominenteren Platz als den Altstädter Markt hätte man in Prag kaum finden können, um ein Denkmal für Jan Hus zu errichten. Zwischen der Teynkirche, die zur Zeit ihrer Errichtung das wichtigste hussitische Gotteshaus war, und dem gotischen Rathaus blickt die Figurengruppe um den großen Reformator anklagend über den Platz. Bild: dpa
 
Hus-Experte Jakub Smrcka im Hussitenmuseum von Tábor.. Bild: privat
 
Gemälde von Hans Stiegler an der Emporenbrüstung in der Amanduskirche Freiberg am Neckar: Vorne Martin Luther, hinter ihm Jan Hus in Gestalt einer Gans. Hus bedeutet im Tschechischen Gans. Bild: dpa
 
Trotz des zugesicherten freien Geleits endete Jan Hus auf dem Scheiterhaufen: "Jan Hus rechnete bereits vor seinem Aufbruch nach Konstanz auch damit, dass er nicht lebendig nach Hause zurückkehren würde", sagt Jakub Smrcka. Die Illustration in der sogenannten Spiezer Chronik von Diebold Schilling dem Älteren von 1484⁄85 gilt als künstlerischer Höhepunkt des Schweizer Künstlers.
Herr Smrcka, unser Verleger macht sich Sorgen, dass die Geschichte des Besuchs von Jan Hus in Weiden umgeschrieben werden muss. Eine Publikation kommt zu dem Ergebnis, Hus, könne, anders als bisher vermutet, am 10. Dezember 1414 nicht durch Weiden marschiert sein, weil er da in Prag gewesen sein soll – können Sie das bestätigen?

Jakub Smrcka: Am 10. Dezember1414 war Hus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in Prag. Zu dieser Zeit könnte er sich von der Burg Krakovec aus auf den Weg gemacht haben. Das genaue Datum seiner Abreise nach Konstanz kennen wir jedoch nicht – und auch seine Route nicht genau. Wir wissen nicht, ob er über Plana bei Marienbad oder über Bor bei Tachov kam.

Ist Husinec, das südböhmische Dorf bei Prachatice, als Geburtsort gesichert?

Smrcka: Husinec bei Prachatice ist wahrscheinlich der Geburtsort von Hus. Es gibt auch Vermutungen über eine Herkunft aus Husinec bei Prag, aber viele Umstände aus seinem Leben – unter anderem die Beziehung zu M. Krištan aus Prachatice, dessen Schüler er war – deuten auf die südböhmische Region und auf Prachatice hin.

Hus soll, ähnlich wie Luther die deutsche Sprache, mit seinen Schriften die tschechische Sprache beeinflusst haben ...

Smrcka: Hus’ Einfluss auf die Entwicklung der tschechischen Sprache sollte nicht überschätzt werden. Einige Texte verfasste er auf Tschechisch und in Übereinstimmung mit dem ihm zugeschriebenen Traktat „Orthographia Bohemica“ benutzte er die Diakritik, also die heute gebräuchlichen Häkchen über einigen Buchstaben. Anfang des 15. Jahrhunderts beteiligte er sich an der Revision der tschechischen Bibelübersetzung – die sogenannte zweite und dritte Redaktion der tschechischen Bibel.

Theologisch orientiert sich Hus an John Wycliff – insbesondere an dessen Forderung der Abkehr der Kirche von Besitz und weltlicher Macht. Inwiefern unterscheidet er sich von Bußpredigern wie etwa Savonarola in Venedig? In welchen Fragen unterscheidet er sich von Luther?

Smrcka: Diese Persönlichkeiten verbindet nur wenig mehr als die Kritik an den kirchlichen Verhältnissen und der weltlichen Herrschaft der Kirche. Hus war kein Revolutionär, der eine gewaltsame Enteignung der Kirche beabsichtigt hätte. Er forderte Reformen und hoffte, dass sich Verbesserungen im Sinne aller Gläubigen auf friedlichem Wege durchsetzen ließen. Es ist fraglich, ob er mit dem inquisitorischen Auftreten Savonarolas einverstanden gewesen wäre, vermutlich hätte ihm das zutiefst widerstrebt, so wie er auch gegen die Verbrennung der Bücher von Wycliff protestierte – womit sein Ärger mit der Kirche begann. Mit Luther verband Hus der Widerwille gegen den Ablasshandel und die Simonie, der Handel mit kirchlichen Ämtern. Sonst war Hus ein vorbildlicher katholischer Geistlicher, der sich zum Zölibat und zur kirchlichen Tradition bekannte.

Wie populär war der Sittenwächter Hus bei der Bevölkerung Prags – oder gewann er seine Anhänger eher mit den Predigten gegen Bischöfe und Papst?

Smrcka: Gerade die Bethlehmskapelle mit ihrer Kapazität – regelmäßig über 1000 Gläubige – war der Ort, wo Hus die Stadtbevölkerung ansprach. Ansonsten bewegte er sich an der Universität und am Königshof, wo er überall seine Gönner hatte. Hus predigte nicht gegen die Bischöfe und gegen den Papst, er predigte gegen die schlechten Manieren und die Praktiken der Kirchenführung. Er war sich dessen bewusst, wie sehr die hierarchische Struktur der Kirche von unlauteren Motiven diskreditiert war, aber sein Predigen zielte nicht darauf ab, diese Hierarchie aufzulösen. Hus war für seine Zuhörer – sei es Angehörige des Adels und des Patriziats oder die städtische Unter- und Mittelschicht – deshalb so populär, weil er ihnen einen Weg zur Erlösung anbot. Das war den Menschen im Mittelalter sehr wichtig. Er machte ihnen das Angebot, ihren Glauben zu vertiefen und eine persönliche Beziehung zu Christus aufzubauen – ganz in der Diktion der vorangegangenen Reformbewegung in Böhmen. Populär waren die Kritik des Sittenverfalls in der Gesellschaft und die Ansichten, dass für kirchliche Dienste und Sakramente nichts bezahlt werden müsse, und sich Erlösung nicht durch formal devotes Handeln und Ablasszahlungen erreichen lasse.

Hus wurde von Gegen-Papst Johannes XXIII. mit dem Kirchenbann belegt, exkommuniziert und aus Prag verwiesen – aufgrund seiner Beliebtheit noch ein Jahr vom König geduldet, musste er 1412 endgültig fliehen. Wie war sein Verhältnis zu König Wenzel und dessen Brüdern?

Smrcka: Aus Prag musste er im Sommer 1412 fort nach der Verschärfung des Banns in Verbindung mit dem Interdikt, der „Untersagung“ gottesdienstlicher Handlungen. Gegen das Interdikt gab es kein Vetorecht. Hus hatte in der Zeit seines Wirkens an der Universität Zugang zum Königshof. Es wird darüber spekuliert, dass er der Beichtvater der Königin gewesen sei. Sicher ist, dass die Königin seinen Auffassungen zugeneigt war. Seine Kritik an der Macht der Kirche passte aber auch dem König ins Konzept, der eine aktive Rolle bei der politischen Wende an der Prager Universität durch das Kuttenberger Dekret von 1409 spielte. König Wenzel IV. ging es vor allem darum, die Universität bei seiner Kandidatur um die Kaiserkrone auf seine Seite zu ziehen. Der Papst hatte Ruprecht von der Pfalz durchgesetzt, den auch der Prager Erzbischof unterstützte.

Hus und die Reformer wollten eine wohlwollende Haltung zur Lehre von Wycliff durchsetzen und waren deshalb bereit, den König bei seinem Vorhaben zu unterstützen, das Stimmverhältnis zwischen den Nationen an der Karls-Universität zu verändern. Hatten seit der Gründung die Böhmen, Bayern, Sachsen und Polen je eine Stimme, so bekamen nun die Böhmen drei Stimmen zugeteilt.

Sigismund von Luxemburg wollte den Konflikt um Hus dazu nutzen, seinen Bruder zu schwächen. Hus selbst interessierte ihn nicht, dessen Lehrmeinung kannte er nur sehr oberflächlich. Zu einem Zeitpunkt, als das Konzil auseinanderzufallen drohte, wurde der Streit um Hus instrumentalisiert. Sigismunds Verantwortung für Hus’ Tod wurde in Böhmen verzerrt dargestellt: Das kaiserliche Geleit für Jan Hus war nie eine Gewähr, ihn vor der Todesstrafe zu schützen.



War Jan Hus und seinen Anhängern klar, dass er sich nicht auf Sigismunds Zusicherung eines freien Geleits würde verlassen können – rechnete er mit seiner Verbrennung?

Smrcka: Jan Hus rechnete bereits vor seinem Aufbruch nach Konstanz auch damit, dass er nicht lebendig nach Hause zurückkehren würde. Er war nicht naiv, wie einige Historiker es darstellen. Allerdings war er auch von der Wahrheit seiner Thesen überzeugt und hoffte, dass es ihm gelingen würde, die Konzilsväter zu überzeugen. Die Trivialität und Verlogenheit des Prozesses überraschte ihn. Anstatt Gelegenheit zu bekommen, seine Thesen zu verteidigen, musste er gezielte
Verfälschungen übersetzter Zitate erklären.

Infolge des Kuttenberger Dekrets verließen an die 1000 deutschen Studenten mit ihren Professoren Prag und veranlassten die Gründung der Universität Leipzig. War seine Parteinahme nationalistisch oder emanzipatorisch motiviert?

Smrcka: Hus war keineswegs nationalistisch motiviert. Darüber hinaus muss der Begriff Nationalismus in dieser Frage immer in seinem mittelalterlichen Kontext verstanden werden, nicht in seiner modernen Bedeutung. Vermutlich war er auch nicht primär emanzipatorisch motiviert. Seine Motivation bestand darin, die Reformbewegung zu stärken, die überwiegend böhmisch geprägt war.

Die tschechische Nationalbewegung hat Jan Hus als Vorkämpfer der Demokratie gewürdigt – kann man den frommen Reformer so interpretieren?

Smrcka: Dies ist ein Aspekt, mit dem die Nationalbewegung im 19. Jahrhundert und die moderne nationale Emanzipationsbewegung versuchten, in der Hussitenbewegung und nicht erst beim Philosophen und ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk demokratische Ansätze nachzuweisen. Ich bin kein Philosophiehistoriker. Die These ist ähnlich heikel, wie in Hus einen Vorreiter des Liberalismus zu sehen.



Wie groß war Hus’ Einfluss auf die benachbarte Oberpfalz? Welche Orte besuchte er als Wanderprediger? Wie gut sprach er Deutsch? Gab es Oberpfälzer Hussiten, die sich der Armee Jan Žižkas anschlossen?

Smrcka: Hus besuchte die Oberpfalz nicht als Prediger, er kam lediglich auf seinem Weg nach Konstanz durch die Oberpfalz. Hus selbst war kein Wanderprediger, die Predigten auf dem Land ergaben sich durch seinen Aufenthalt außerhalb von Prag. Freilich wurden Hus’ Ansichten inklusive seiner Traktate und Übersetzungen durch Wanderprediger verbreitet. Hus selbst konnte Deutsch, predigte aber nicht auf Deutsch. Deutsche Reformpredigten ertönten in Prag zuerst von Konrad Waldhauser. Ich kenne keine konkreten Beispiele von Oberpfälzer Hussiten in der ersten Phase der Hussitenkriege zu Lebzeiten von Jan Žižka bis 1424. Die Beteiligung Einzelner in den Armeen von Prokop Hol in der Zeit der Expeditionen über die Grenze ist nicht ausgeschlossen.

Wie groß war der Einfluss von Hus’ Lehren auf die hussitische Bewegung und Hussiten-Kriege?

Smrcka: Die Lehren und Ansichten von Hus dienten der Lehre des Jakoubek aus Stríbro als Inspiration. Dessen Einfluss ist bedeutend für das Reformprogramm der radikalen hussitischen Partei. Zu den grundsätzlichen Forderungen gehört die Kelchkommunion – eine Ansicht, die nicht von Hus vertreten wurde. Andererseits sind das Verbot weltlicher Herrschaft der Kirche oder eine gerechte Bestrafung von Sünden ohne Rücksicht auf Standeszugehörigkeit sowie das freie Predigen des Wort Gottes aus den vier Prager Glaubensartikeln sehr wohl Gedanken von Hus.



Warum war nach der Gründung der Ersten Republik 1918 die dann gegründete Hussitische Kirche kein Erfolgsmodell?

Smrcka: Aus der Bewegung „los von Rom“ der katholischen Moderne und aus deren Reformströmung entstand die nationale – mitnichten protestantische – tschechoslowakische Volkskirche, die sich zur hussitischen Tradition und Symbolik bekannte. Diese nahm sich als fortschrittliche Kirche der neuen Republik wahr, wurde aber nie zur „Staatskirche“. Sie bekam die gleiche staatliche Unterstützung, die anderen anerkannten Kirchen zuteil wurde, und staatliche Zuschüsse zur Errichtung neuer Kirchen.

Die liberale, tschechoslowakische Kirche suchte ihre Identität. Erst 1971 wurde ihre Bezeichnung um das Attribut „hussitisch“ ergänzt. Zu den hussitischen Traditionen und mehr noch zur brüderlichen Tradition bekannten sich weitere Kirchen, protestantische und evangelikale.

Auch in der römisch-katholischen Kirche gab es mancherorts eine stille latente Hinwendung zu Jan Hus. 1924 spaltete sich aus der tschechoslowakischen Kirche ein orthodox orientierter Bestandteil ab und es kam zur Gründung der tschechischen orthodoxen Kirche im Bündnis mit dem serbischen Patriarchat, welche sich bis heute zu Hus bekennt und ihn als Heiligen verehrt.
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