Deutsch-iranischer Schriftsteller
Navid Kermani über die Silvesternacht in Köln und die Auswirkungen

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani lockte 1000 Zuhörer in die Regensburger Dreieinigkeitskirche. Bild: gib

Köln/Regensburg. Er ist einer, der in einer mit Konflikten aufgeladenen Stimmung die richtigen Worte findet: Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani bekam im vergangenen Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels - am Mittwochabend war er in der ausverkauften Dreieinigkeitskirche Regensburg zu Gast - mehr als 1000 Zuhörer waren gekommen. Und als Kölner hatte Kermani auch zu den Übergriffen in der Silvesternacht etwas zu sagen.

Zwei Dinge machten den Auftritt des 48-jährigen Schriftstellers so interessant. Zum einen las der Sohn iranischer Eltern, der in Siegen auf die Welt kam und aufwuchs, aus seinem viel beachteten neuen Buch "Ungläubiges Staunen - Über das Christentum" (Verlag C. H. Beck). In dem Buch wagt der muslimische Publizist ein Experiment: Er vertieft sich in die christliche Bildwelt und notiert dazu seine Gedanken.

Zum anderen wurde mit Spannung erwartet, ob und wie sich Kermani, der mit seiner Familie in Köln lebt, zu den vieldiskutierten Attacken auf Frauen an Silvester äußert. Spätestens seit seiner bewegenden Dankesrede zur Friedenspreisvergabe in der Frankfurter Paulskirche gilt er als jemand, dem man in Zeiten drängender Fragen der Integration zuhören sollte. Als Kermani über das heftig umstrittene, Gerhard-Richter-Kirchenfenster im Kölner Dom sprach, nutzte der Würzburger Theologe Erich Garhammer die Gelegenheit: "Ist der Dom seit der Silvesternacht anders geworden?", fragte er.

"Bessere Beute"


Nein, das sei er nicht, erwiderte der habilitierte Orientalist Kermani. Dennoch habe es sich um ein einschneidendes Ereignis gehandelt, das den Blick und das Lebensgefühl in Köln verändert habe. Leider kenne man die "Nordafrikaner", um die es geht, in der Stadt bereits seit vier, fünf Jahren. Sie seien meist schon in ihren Herkunftsländern kriminell gewesen und nach Deutschland gekommen, weil es hier "bessere Beute" gebe und die Polizei als nachsichtig gelte.

Mit den derzeit ankommenden Flüchtlingen hätten die Ereignisse wenig zu tun. Dennoch hätten sie ihm vor Augen gehalten: "Vielfalt schafft Reichtum, aber auch Konflikte, alles andere ist illusorisch." Damit ein multikulturelles Leben möglich ist, müssten Gesetze und das Staatswesen anerkannt werden. Das müsse auch "das freiheitsliebende Köln mit seiner Laissez-faire-Haltung" lernen.

Zwei Liebende von El Greco


Ausgangspunkt für Kermanis neues Werk war nicht seine Heimatstadt Köln, sondern Rom: Das Jahr 2008 verbrachte er als Stipendiat der Villa Massimo in Rom - wo er durch die Kirchen der Stadt zog, um über den Werken Caravaggios, Guido Renis, Leonardos, Veroneses oder El Grecos zu sinnieren. Es ist der unvoreingenommene Blick eines Muslims, der in einer bilderlosen Religion aufgewachsen ist, der "Ungläubiges Staunen" so spannend macht.

Kermani wagt es, einfache Fragen zu stellen. So sieht er in El Grecos "Der Abschied Christi von seiner Mutter" nicht Jesus und Maria, sondern zwei Liebende. Warum? "Na, weil ich hinschaue. Jeder Unbefangene würde das so sehen." Und tatsächlich wirkt die Frau auf dem Bild eher jünger als der Mann, der Blick passt nicht zu Mutter und Sohn.
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