Dialektwörter aus der Region
Frage des Selbstbewusstseins

Symbolbild: Hartl
 
Symbolbild: Hartl

Amberg-Sulzbach. Die Mundart-Ecke ist eine Artikelreihe über die schönsten Dialektwörter aus der Region. Wenn es nach Martha Pruy geht, dürfte diese Serie nie zu Ende gehen. Im Interview erklärt sie warum.

Heißt es nun Fasching, Fosnat oder Fosenocht? "Alles ist richtig", sagt Kreisheimatpflegerin Martha Pruy (63) und lacht. "Das ist eben das Schöne am Dialekt, dass jede Gegend ihre eigenen Spezialitäten hat und sie auch pflegt." Pruy ist eine Kämpferin für authentisches Kulturgut - dazu gehört nicht nur bodenständige Volksmusik, sondern auch unverfälschter Dialekt.

Frau Pruy, stellen Sie sich vor, jeder würde nur noch Dialekt sprechen. Wir hätten eine babylonische Sprachverwirrung...

Pruy: Das wäre eine spannende Sache. Aber wir wollen es ja nicht übertreiben. Es hat ja seinen guten Grund, dass wir uns auf eine allgemeinverständliche Schriftsprache geeinigt haben. Trotzdem ist es schade um jeden Mundartausdruck, der verschwindet.

Welcher Ausdruck fällt Ihnen da spontan ein?

Pruy: Naja, Fosenocht zum Beispiel. Wer sagt denn das heute noch? Mittlerweile hat sich bayernweit der Begriff Fasching durchgesetzt, obwohl dieser Ausdruck eigentlich gar nicht so verbreitet ist.

Woran liegt es, dass sich manche Begriffe durchsetzen, andere dagegen in Vergessenheit geraten?

Pruy: Beim Thema Fasching ist wie so oft ausschlaggebend, wie in München gesprochen wird. Es ist halt einfach so, dass die Medien mit bayernweiter Reichweite ihren Sitz in der Landeshauptstadt haben. Wenn die sich ausnahmsweise mal auf den Dialekt einlassen, dann eben in erster Linie auf den, der vor Ort gebräuchlich ist.

Gibt es den Oberpfälzer Dialekt überhaupt noch?

Pruy: Den Oberpfälzer Dialekt hat es ja noch nie gegeben. Im größten Teil der Oberpfalz sprechen wir nordbairisch. Typisch für diese Form des Bairischen sind die gestürzten Diphtonge, also das "ou". Bruder heißt bei uns Brouda und in München Bruada. An diesem Beispiel ist der Unterschied schön zu erkennen.

Jetzt ist der Ausdruck Brouda ja noch recht geläufig. Wie aber schaut es mit dem Deed oder dem Pfinsta aus?

Pruy: Da wird es dann schwierig. Ich persönlich kenne kein Kind mehr, das seinen Taufpaten als Deed oder den Donnerstag als Pfinsta bezeichnet. Schade drum. Denn so geht regionale Identität verloren.

Aber muss das denn sein, dass jeder immer seine Eigenheiten hervorkehrt?

Pruy: Das hat doch nichts mit Kleinkariertheit zu tun. Mir geht es darum, die Mundart-Sprecher zu ermuntern, sich nicht einschüchtern zu lassen. Klar sollte jeder Hochdeutsch sprechen können, aber es gibt keinen Grund, den mit der Muttermilch aufgesogenen Dialekt zu unterdrücken. Da plädiere ich - und Sprachwissenschaftler unterstützen das - ausdrücklich für mehr Selbstbewusstsein.

Das Kultusministerium hat bereits reagiert und den Lehrern einen Leitfaden zum Umgang mit dem Dialekt an die Hand gegeben.

Pruy: Es ist ein gut gemeinter Versuch, hilft aber in der Praxis kaum weiter. Wie soll ein Lehrer, der selber nur noch Hochdeutsch spricht, Kindern ihre Heimatmundart nahebringen? Noch dazu in wenigen Stunden. Dialektpflege geht vor allem über ein selbstbewusstes Elternhaus.

Mal abgesehen von regionaler Identität und individueller Freiheit. Was spricht sonst noch für den Dialekt?

Pruy: Seine lautmalerische Schönheit. Zum Beispiel beim Adjektiv broad. Dieses "oa" zieht sich so in die Länge, dass selbst einem Unkundigen sofort die schriftdeutsche Entsprechung breit in den Sinn kommt. Die Mundart ermöglicht es seinen Sprechern, Dinge zielgenau auf den Punkt zu bringen. Im Hochdeutschen braucht es manchmal fünf Sätze, um darzulegen, was ein einziges Dialektwort ausdrückt.

Hätten Sie grad ein solches parat?

Pruy: Natürlich. Eines, das sogar recht gerne verwendet wird. Das wunderschön lautmalerische Verb bäign zum Beispiel. Es bedeutet so ein Mittelding aus schreien, schimpfen und weinen, kann auch johlen und lachen bedeuten und kann in diesem Umfeld wunderbar variiert werden. Machen Sie mal in Schriftdeutsch klar, was ein bäichada Track ist. Da müssen Sie schon weit ausholen! Wir sollten uns diese sprachliche Vielfalt nicht nehmen lassen.
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