Die 88. Oscar-Nacht in Hollywood
Im sechsten Anlauf darf Leonardo DiCaprio zugreifen

Lady Gaga - nominiert in der Kategorie "Best Original Song" - nutzte ihren Auftritt bei der 88. Verleihung der Oscars für ein eindringliches Statement gegen sexuellen Missbrauch.
 
Die Oscar-Preisträger in den Darstellerkategorien: Leonardo DiCaprio (Zweiter von rechts) und Brie Larson (Zweite von links) gewannen die Preise als beste Hauptdarsteller, Mark Rylance (links) und Alicia Vikander die für die besten Nebendarsteller. Bilder: dpa

Dass Leonardo DiCaprio endlich einen Oscar mit nach Hause nehmen kann, ist keine Überraschung. Doch mit den unmissverständlichen politischen Botschaften dürften nicht alle Festgäste der Oscar-Gala gerechnet haben.

Los Angeles. So politisch waren die Oscars vielleicht noch nie. Mit drastischen Worten rüttelte der schwarze Moderator Chris Rock die Gäste der Hollywood-Gala, traditionell eine eher zahme Veranstaltung, auf. Die Oscars seien auch als die "Preise der Weißen" bekannt, bemerkte der 51-Jährige süffisant und legte nach: "Warum protestieren wir aber? Warum bei diesen Oscars?"

Immerhin sei es schon die 88. Verleihung. Diese ganze "Keine Schwarzen"-Sache habe es schon mehr als 70 Mal gegeben. "Da gab es aber keine Proteste", sagte Rock mit Verweis auf die Sklaverei und die 50er und 60er Jahre. "Wir waren damit beschäftigt, vergewaltigt und gelyncht zu werden." Es sei egal, was die beste Dokumentation sei, "wenn deine Großmutter an einem Baum hängt". Das saß. Schon vorher hatte es heftige Diskussionen gegeben, weil in den wichtigsten Kategorien keine Schwarzen nominiert worden waren. Einige Spitzen waren also auch für die Gala in der Nacht zu Montag zu erwarten - mit so pointierten Sprüchen hatte dann aber wohl doch niemand gerechnet. Manch ein Gast im eleganten Dolby Theatre wusste gar nicht, ob er klatschen oder einfach irritiert lächeln sollte. Für die "New York Times" war dieser Auftakt gar eine "laute Lehrstunde für Diversität".

Favoritensieg für DiCaprio


Auch bei der Vergabe der Preise gab es Überraschungen: Leonardo DiCaprio bekam zwar endlich seinen lang erwarteten Oscar für "The Revenant - Der Rückkehrer". Und an das furiose Action-Spektakel "Mad Max: Fury Road" von George Miller gingen gleich sechs der begehrten Trophäen, allerdings in Nebensparten. Als bester Film - die Königskategorie - wurde aber das beklemmende, auf wahren Begebenheiten beruhende Missbrauchsdrama "Spotlight" ausgezeichnet. Der Film von Regisseur Tom McCarthy mit Mark Ruffalo beleuchtet den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Bostons und den Enthüllungsjournalismus der Reporter des "Boston Globe", die dafür 2003 den Pulitzer-Preis erhielten.

Politische Statements zogen sich wie ein roter Faden durch die Show. Als Lady Gaga etwa - angekündigt von US-Vizepräsident Joe Biden - ihren nominierten Song "Til It Happens To You" (für die Doku "The Hunting Ground") sang, war das zugleich ein Appell gegen sexuellen Missbrauch. Ihr kraftvoller Auftritt gehörte zu den emotionalsten Momenten der Oscar-Gala - und rührte Stars zu Tränen.

Der schwule Sänger Sam Smith widmete seinen Oscar für den besten Filmsong ("Writing's On The Wall" aus dem Bond-Film "Spectre") der Community der Schwulen, Lesben und Transgender. Auch das Team des Rachedramas "The Revenant" nutzte die Bühne für Appelle. "Lasst uns dafür sorgen, dass die Hautfarbe genauso unwichtig wird wie die Länge der Haare", forderte der Mexikaner Alejandro González Iñárritu, nachdem er den Oscar für die beste Regie gewonnen hatte. DiCaprio erhob nach Standing Ovations seine Stimme für das Thema Klimawandel. "Er ist unsere größte Bedrohung. Lasst uns diesen Planeten nicht als selbstverständlich ansehen."

Deutsche gehen leer aus


Sicher galt vorab auch der Preis für Brie Larson (26) als beste Hauptdarstellerin: Im Drama "Raum" spielt sie eine Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn in Gefangenschaft lebt. Mit der Schwedin Alicia Vikander dagegen hatten wohl nur wenige gerechnet. Sie gewann als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in dem Transsexuellendrama "The Danish Girl" an der Seite von Eddie Redmayne. Unerwartet kam auch der Preis für den in England geborenen Mark Rylance als bester Nebendarsteller. Er wurde für seine Rolle in der deutschen Koproduktion "Bridge of Spies - Der Unterhändler" von Steven Spielberg ausgezeichnet. Das war dann die einzige Ehrung mit deutschem Bezug - Bernhard Henrich, Setdekorateur des Spionagedramas, ging leer aus. Genauso wie Patrick Vollrath mit seinem Kurzfilm "Alles wird gut".

Eines ist beim zweiten Blick auffällig: So "weiß" diese Oscars waren - unter der Oberfläche dominierten Minoritäten. Immerhin ist auch "Mad Max"-Regisseur Miller Australier. Vor allem aber die mexikanische Kinostimme ist mit dem Erfolg von "The Revenant" unüberhörbar. Vielleicht bewirkt das ja einen Wandel in der US-Filmindustrie. Denn die Botschaft dieser Oscar-Verleihung ist klar: Mehr Offenheit tun der Oscar-Academy und Hollywood gut.
Wir waren damit beschäftigt, vergewaltigt und gelyncht zu werden.Gastgeber Chris Rock darüber, warum es jahrzehntelang keine Proteste gegen die "Weißen Oscars" gab


Die GewinnerBester Film: Spotlight

Beste Regie: Alejandro González Iñárritu (The Revenant)

Bester Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio (The Revenant)

Beste Hauptdarstellerin: Brie Larson (Raum)

Bester Nebendarsteller: Mark Rylance (Bridge of Spies)

Beste Nebendarstellerin: Alicia Vikander (The Danish Girl)

Bestes adaptiertes Drehbuch: Adam McKay und Charles Randolph (The Big Short)

Bestes Originaldrehbuch: Thomas J. McCarthy und Josh Singer (Spotlight)

Beste Kamera: Emmanuel Lubezki (The Revenant)

Beste Filmmusik: Ennio Morricone (The Hateful 8)

Bester Filmsong: Writing's on the Wall von Sam Smith und James Napier (Spectre)

Bester Schnitt: Margaret Sixel (Mad Max: Fury Road)

Beste visuelle Effekte: Andrew Whitehurst, Paul Norris, Mark Williams Ardington und Sara Bennett (Ex Machina)

Bester Animationsfilm: Alles steht Kopf

Bester fremdsprachiger Film: Son of Saul (Ungarn)

Bester animierter Kurzfilm: Bear Story

Bester Kurzfilm: Stutterer

Bester Dokumentarfilm: Amy

Bester Dokumentar-Kurzfilm: A Girl in the River: The Price of Forgiveness

Ehrenpreise: Spike Lee und Gena Rowlands

Jean Hersholt Humanitarian Award: Debbie Reynolds

Erfolgreichste Filme: Mad Max: Fury Road (6 Oscars: Kostümdesign, Produktionsdesign, Make-up/Hairstyling, Filmschnitt, Tonschnitt, Tonmischung); The Revenant (3 Oscars: Regie, Hauptdarsteller, Kamera); Spotlight (2 Oscars: bester Film, Originaldrehbuch)
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