Die Europäische Kulturhauptstadt als Impuls für bildende Künstler
Bayerisch-böhmisches Pilsen

Bayerisch-böhmische Künstlerfreundschaft: (von links) Petr Kozel, Václav Malina, Harald Bäumler und Bürgermeister Petr Náhlík. Bild: Herda
 
Harald Bäumlers Eingangsgitter in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Gutwasser⁄Dobrá Voda u Susice im Böhmerwald von 2006.
Seine monumentalen Skulpturen säumen nicht nur die grenzübergreifende Autobahn A6 – „Monument Via Carolina – Bayerisch-Böhmischer Knoten“ am Parkplatz Stockerholz von 2008 – und die Wege des Pilsener Botanischen und Zoologischen Gartens – ein 7,5 Meter hohe Grashalm aus Bronze und die übermenschengroße Plastik einer Ameise. Bäumlers Kunstwerke zieren auch die Bartholomäus Kathedrale: Auf Auftrag Bischof František Radkovskýs fertigte er ein Diözesanwappen des Bistums und ein Prozessionskreuz.

Es ist nicht nur Bäumlers Kunst, die verbindet, es ist vor allem eine sehr menschliche Attitüde, die ihn zu einem festen Bestandteil der Pilsener Kunstszene werden ließ – er spricht anders als viele selbst ernannte Brückenbauer perfekt tschechisch. Diese Offenheit gegenüber dem kleineren Nachbarn kommt an. Von Neid bei den geladenen Künstlern keine Spur. Thema im Künstlerkreis: natürlich die Kulturhauptstadt 2015.

„Noch nie hatten wir so viele Gäste wie heuer“, freut sich Vera Knetlová, die gute Seele der Pilsener Künstlervereinigung, die sich auch wegen des europäischen Interesses im Aufschwung befindet: „Wir haben 82 Mitglieder“, schmunzelt sie, „am Freitag begrüßen wir vier neue.“ Kein Zweifel: Das Jahre lang vorbereitete Projekt gibt Impulse auch für die heimische Künstlerszene. Zwar habe man auf Großprojekte wie in der belgischen Partner-Kulturhauptstadt Mons verzichtet, wo eine große Installation am Vorabend der Eröffnung einstürzte. Dennoch möchte Pilsen den Gästen aus aller Welt bildende Kunst an allen Ecken und Enden präsentieren:


Bereits im Februar zeigten tschechische und internationale Künstler – darunter auch der Weidener Axel T. Schmidt – in der ganzen Stadt ihre fantastischen Lichtinstallationen.
Dem bedeutendsten Künstler der Stadt, Jirí Trnka, sind zwei große Ausstellungen gewidmet, in denen dessen Schaffen auf den Gebieten des Films, der Illustrationen, der Malerei, Grafik und Bildhauerei sowie des Theaters gezeigt wird.
Studenten der Westböhmischen Universität organisieren eine Ausstellung zum berühmten Pilsener Künstler Ladislav Sutnar (1897-1976) im Garten und Atelier Trnka.
„Farbe auf der Straße“ ist eine Ausstellung großformatiger Gemälde Pilsener und Oberpfälzer Künstler im Rahmen eines Sommerfestivals.
In den Theaterferien zeigen fünf Pilsener und einige andere Künstler großformatige Malerei zum Thema Jan Nepomuk, Werke, die über zehn Jahre in Plasy entstanden sind.


„Es ist beeindruckend, wie sich die einzelnen Veranstaltungen über die sozialen Netzwerke verbreiten“, freut sich Petr Náhlik über den Erfolg der Ausstellungen.
Für Petr Kozel sind nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen. „Ich hatte eine große Idee im Kopf und wollte auf einer Fläche von 2400 Quadratmetern Europas größtes Festival für Straßenkunst organisieren“, erzählt der Pilsener. „Für die Kunst im öffentlichen Raum war aber schon eine Künstlerin aus Prag vorgesehen.“ Solche Geschichten hört man immer wieder. Man ist sich einig: Die vielen personellen Wechsel im Organisationskomitee haben der Sache geschadet. Man geriet unter Zeitnot, musste Kunst von außen einkaufen.


„Das ist schade“, findet auch Václav Malina, eine feste Größe in der Kunstszene und, wie er selbst spöttelt, inzwischen Kunstrentner. Auch er hat ein großes internationales Projekt vorgeschlagen, das nicht umgesetzt wurde. „Je mehr eigene Leute die Sache in die Hand nehmen, desto besser verankert ist sie“, bestätigt auch Nahlik diesen Gedanken. „Es kamen immer wieder Prager, die uns Provinzdeppen die Welt erklären wollten“, meckert Malina.


Entmutigen lassen sich die Pilsener von so einer Attitüde freilich nicht. „Wichtig ist, dass wir den Impuls in den nächsten Jahren mitnehmen“, findet Nahlik. Und Kozel lässt sich von der Jahreszahl 2015 in keinster Weise beeindrucken: „Ich setze meine Ideen der ,Offenen Ateliers’ und einen Skulpturen-Kreuzweg bei Chotešov dann eben 2016 um“, lacht er voller Tatendrang.
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