Die Tage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl
Unsichtbare Gefahr

Radioaktivität in Euroa nach Tschernobyl. Stand 1998. Grafik: dpa

München. Zuerst treibt die Wolke nach Norden. An einem Atomkraftwerk in Schweden wird erhöhte Radioaktivität gemessen. Alarm. Doch der Meiler läuft ohne Störung. Die Radioaktivität kommt aus dem Osten - aus dem am 26. April 1986 explodierten Kraftwerk Tschernobyl. In Finnland, in Polen und in der DDR steigen die Werte. Politiker in Deutschland betonen unisono: keine Gefahr. Dann dreht der Wind.

Plötzlich gibt es erhöhte Radioaktivität auch in der Bundesrepublik. Fußballspiele werden abgesagt, Freibäder und Spielplätze gesperrt, Sandkästen geleert, Gemüse untergepflügt. In den Supermärkten: Sturm auf Dosen. Wer nach Hause kommt, zieht die Schuhe aus und duscht, um keinen verseuchten Staub in die Wohnung zu tragen. Geigerzähler sind ausverkauft. Kinder dürfen nicht draußen spielen. Wenn es regnet, laufen die Menschen in Panik wie um ihr Leben - wegen des Fallouts, den niemand recht einschätzen kann. Bundesweit am schlimmsten trifft es Bayern, dort wiederum Schwaben, den Bayerischen Wald und den Süden Oberbayerns, wo zufällig an diesen ersten Maitagen 1986 schwere Gewitter niedergehen.

Strahlendes Molkepulver


Die genauen Folgen des Gaus: Kennt niemand. Die Kindersterblichkeit sei danach signifikant erhöht gewesen, sagt Christina Hacker, Vorstandsmitglied beim Umweltinstitut München. Auch von mehr Schilddrüsenerkrankungen werde berichtet. Ein Zusammenhang liege nahe, sei aber nicht erwiesen. Manches, glaubt Hacker, hätte vermieden werden können, wenn es die "Beschwichtigungspolitik" nicht gegeben hätte. Der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick (CSU) aß vor laufenden Kameras demonstrativ verstrahltes Molkepulver, um die Ungefährlichkeit zu beweisen. Gewollt hat die Molke trotzdem niemand. Ein Geisterzug damit rollte lange durch Deutschland, ehe die Molke in einer eigens gebauten Anlage vernichtet wurde. In der Folge erstarkten die Grünen. Die Anti-Atombewegung formierte sich. Doch erst 25 Jahre später führte die Atomkatastrophe von Fukushima, obwohl sie Deutschland nicht direkt traf, zum parteiübergreifenden Bekenntnis zum Atomausstieg. Der geht den Umweltorganisationen viel zu langsam.

Gerade der Terror verschärfe die Gefahr, sagt Hacker. "Es gab immer wieder Hinweise, dass verschiedene Akws ausgespäht worden sind. Insofern ist es umso wichtiger, dass man sich von der Atomenergie schleunigst verabschiedet."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.