Die verschiedenen Hausnamen der Oberviechtacher Altstadt
Vom "Lederer" zum "Houderbeck"

In Oberviechtach wohnen drei geschätzte Mitbürger, die denselben Namen tragen: Hans Roßmann. Was auf den ersten Blick unter dem Gesichtspunkt der Unterscheidung verwirrend anmutet, ist für den Volksmund kein Problem, denn er bedient sich der Hausnamen, und diese lauten für die drei Personen "Büldhauer-Hans", "Girtlwewer-Hans" und "Waisgawer-Hans".

Ein Alteingesessener weiß dann sofort, wer gemeint ist, denn die drei Familien sind seit Generationen in Oberviechtach ansässig. Ihre Hausnamen sind, wie 130 andere auch, im Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum in der Abteilung "Handwerk und Hausnamen" erfasst, die unter dem Gesichtspunkt der Konzeption und Darstellung ihresgleichen in Bayern sucht.

Altes Kulturgut

Sie ziehen sich in einem "Hausnamenband" durch das Dachgeschoss des 2006 eröffneten Themenmuseums und illustrieren anhand der Bereiche "Textil" und "Leder" den engen Bezug zwischen den Hausnamen und den früher im Markt Oberviechtach angesiedelten Berufen.

Hausnamen sind ein altes Kulturgut, das sich in ländlichen Regionen seit Jahrhunderten bis in unsere Zeit erhalten hat und in manchen Orten eine wahre Renaissance erfährt. Als umgangssprachliches Gegenstück zu den Schreibnamen bezeichnen sie Personen bzw. Familien und haben somit eine Funktion, die den Familiennamen gleichkommt. Oftmals ist es selbst heute noch der Fall, dass ein bestimmter Bürger vielen Mitbewohnern eines Ortes nur oder eher unter seinem Hausnamen bekannt ist.

Von den 133 im Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum dargestellten Hausnamen der Oberviechtacher Altstadt, von denen ein beträchtlicher Teil noch aktiv in Gebrauch sind, weisen 85 eine Berufsbezeichnung auf. Sie lassen sich in 15 Berufs- bzw. Tätigkeitsfelder einteilen, angefangen vom "Lederhandwerk" mit 13 Hausnamen bis bin zur "Kirchlichen Tätigkeit" mit einem einzigen Hausnamen.

Die Bildung der Hausnamen folgt bestimmten Mustern. Die häufigste Form ist die Berufsbezeichnung allein oder zusammen mit einer anderen, zum Beispiel "Lederer" (Gerber) und "Houderbeck" (Hutmacher-Bäcker). Es folgen Berufsbezeichnungen in Verbindung mit einem oder zwei Vornamen, wie bei "Zacherlschouster" (Zacharias-Schuster), "Balzerschreiner" (Balthasar-Schreiner), "Fawermichl" (Färber-Michael) oder "Fawerhansherl" (Färber-Hans-Hermann). Danach kommt die Gruppe der Berufsbezeichnungen zusammen mit einem Familiennamen. Dies ist der Fall etwa bei "Wölnhoferboder" (Welnhofer-Bader) und "Mülchschejsl" (Milch-Schießl). Weiterhin findet man die Bildung aus einer Ortsbezeichnung und einer Berufsbezeichnung, so bei "Doabeck" (Tor-Bäcker) sowie noch einige andere Entstehungsformen.

Schwieriges Unterfangen

Aufgrund dieses Sachverhalts liefern die Hausnamen einen aussagekräftigen Einblick in die Sozialgeschichte Oberviechtachs zur Zeit ihres Aufkommens.

Die Entstehungs- und Lebensdauer einzelner Hausnamen zu ergründen, kann sich jedoch im Einzelfall als schwieriges bzw. unmögliches Unterfangen erweisen, zumal manche - allgemein gesehen - mehr als 400 Jahre alt sind.

Für die Zeit vor dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts können glückliche Funde in Kirchenbüchern dabei eine Hilfe sein. In der Zeit danach kann man insofern von einer Zäsur sprechen, als nach der Säkularisation in den sogenannten Liquidationsakten in Bayern alle Grundstücke neu erfasst und bewertet wurden, d. h. die Hausnummern, die Bewohner - einschließlich der sozialen Verhältnisse -, die Hausnamen und alle zugehörigen Besitzungen an Wiesen, Feldern und Wäldern.

Die zweite Gruppe der Oberviechtacher Hausnamen besteht aus sogenannten Übernamen. Im engen Sinn wird dieser Terminus für jene Beinamen verwendet, die aus körperlichen, geistigen, charakterlichen Merkmalen eines Menschen, aus Ereignissen seiner Lebensgeschichte und Ähnlichem gewonnen sind. Nicht selten tauchen dabei Tiernamen auf, wodurch auf ein bestimmtes Merkmal, das der verwendeten Spezies zugeschrieben wird, Bezug genommen wird. So zum Beispiel bei "Fichsl", also der Verkleinerungsform von "Fuchs", der für Schlauheit und Listigkeit steht.

Der dritte Bereich umfasst die restlichen Hausnamen, die unterschiedlichen Wortbildungsmustern folgen. Eines davon ist die Zusammensetzung des Namens aus zwei Vornamen, zum Beispiel bei "Friebattl" (Friedrich-Bartholomäus), oder aus einem Familiennamen und einem Vornamen. Typisch dafür ist "Möller-Dane" (Mehler-Anton).

Da Hausnamen, historisch betrachtet, vorwiegend im Bereich der mündlichen Kommunikation und Überlieferung angesiedelt sind, spiegeln sie auch in signifikanter Weise die Merkmale der jeweiligen Mundart wider. Was die Oberviechtacher Hausnamen betrifft, ist der darin zum Ausdruck gebrachte Dialekt das Nord(mittel)bairische. Dessen markanteste Charakteristika sind die sogenannten gestürzten Diphthonge "ej" und "ou".

Wichtig für die Nachwelt

Sehr prägnant ist aber auch der Zwielaut "aou", wie er etwa in "Gaouglhanes" (Gagel-Johannes) vorkommt. Dieser Hausname bildet zugleich einen der interessantesten des Oberviechtacher Korpus, denn er ist einer der wenigen, bei denen die Herkunft nicht zu 100 Prozent gesichert ist. Als "Gaougl" wird in der Mundart des Oberviechtacher Raumes ein "unbeholfener Kerl" bezeichnet, und in der nördlichen Oberpfalz steht das Wort für "Baumwanze". Eine andere Vermutung besagt, dass es sich dabei um die dialektale Form von "Gregor" handelt.

Wie dem auch sei, Hausnamen sind ein "spannendes" Forschungsgebiet, das eine Fülle von kulturgeschichtlichen, volkskundlichen und sprachlichen Implikationen offenbart. Sie sind es wert, in jeder Gemeinde erfasst und für die Nachwelt dokumentiert zu werden.
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