Die Victoriy Gunner ist auf dem Highway zuhause, mag aber auch die kurvige alte Welt
Klassisches Long-and-low-Bike

Aus dem tiefen Sattel der Victory Gunner betrachtet wirkt das Leben überschaubar und unaufgeregt. Ein Eindruck, der auch beim Betrachten dieses zweirädrigen Monuments erhalten bleibt: Der puristische "Bobber"-Stil mit fetten Reifen, kleinem Frontfender und der dicken Radabdeckung hinten, die kein Sitzbrötchen verunziert, wirkt wegen der gewohnten Formen und der matten Farbgebung in Grau oder Grün ebenso bekannt wie beruhigend. Zwei fein verrippte luftgekühlte Zylinder machen den scheinbar seit Anbeginn der Zweirad-Zeitrechnung unveränderten Auftritt komplett. Damit stellt die Gunner den geruhsamen Gegenentwurf zu den bewegten Zeiten des Motorrad-Herstellers Victory dar, der in jüngster Zeit mit Einsätzen beim Zero Emission Race der Tourist Trophy und zusammen mit Roland Sand am Pikes Peak aufhorchen ließ.

Ohne Hektik cruisen

Von dieser umtriebigen Geschäftigkeit bleibt nicht mehr viel übrig, wenn man das Bein über das Einzelpolster geschwungen hat, in erdverbundenen 635 Millimeter Höhe Platz nimmt und an den weit nach hinten gebogenen Lenker greift. Ohne hektischen Informations-Overkill wird der Blick nach vorn vom chromgeränderten Rundinstrument mit klassisch-weißem Analogtacho dominiert.

Letzte Überbleibsel kribbeliger Betriebsamkeit massiert der beruhigende Puls des 50-Grad-Vaumotors aus dem Vorder- weit weg ins Hinterstübchen, den Victory in Anlehnung an seinen Hubraum "Freedom 106" getauft hat. 106 cubic inch bedeutet für uns satte 1731 ccm. Mit einem tiefen Rumpeln aus den langen mattschwarzen Shotgun-Töpfen erwacht der Vierventiler, der mit 90 PS ziemlich gut im Futter steht. Bei 139 Newtonmetern maximalem Drehmoment schon bei 2700U/min braucht sich der Fahrer keine Gedanken über die richtige Wahl im etwas betulich zu bedienenden Sechsgang-Getriebe zu machen. Bis 140 km/h beschleunigt die Gunner sehr souverän, darüber geht ihr etwas die Luft aus. Zur sauberen Gasannahme kommt auch das richtige Maß an Vibrationen, das dem 50-Grad-Motor einen individuellen Charakter verleiht.

Ordentlich dämpfende Federelemente vorn wie hinten sorgen für eine gute Stabilität auch bei engagierterem Ritt, gleichzeitig liefern sie einen angenehmen Fahrkomfort auf auch wenig "sympathischen" Untergründen. Der Bequemlichkeit kommen nicht allzu weit vorn platzierte Rasten und der nach hinten hochgezogene Sitz entgegen, der dem unteren Rücken Halt gibt.

Größte Kritik erntet die Einscheiben-Bremse vorn, die unverhältnismäßig viel Handkraft für eine vergleichsweise geringe Effektivität verlangt. Immerhin spendiert der hintere Doppelkolben-Schwimmsattel eine willkommene Unterstützung, und das in Deutschland serienmäßige ABS hilft über die schlechte Dosierbarkeit hinweg .

Soziussitz ist Extra

Wer seine Gunner aufhübschen, praktischer machen oder einfach mal zu zweit fahren möchte, findet die entsprechende Hardware im Victory-Zubehörprogramm. Das reicht vom Soziussitz-Kit über die alternativ anschraubbare, schicke Gepäckbrücke bis zu den Akrapovic-Auspufftüten. Aber auch ohne diese Anbauteile bekommt der Käufer für 12 990 Euro einen konventionellen, puristisch gestylten Cruiser, der ganz in sich ruht.
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