Diskussion um Popkultur
Fatale Vorbild-Wirkung

Das Computerspiel "Counterstrike" steht schon seit Jahren immer wieder in der Kritik. Bild: dpa
 
Schock-Rocker Marilyn Manson beim Festival "Rock am Ring" im Juni 2015. Archivbild: dpa

Das Spiel Counterstrike, die "Matrix"-Filmreihe oder die Band Slipknot: Die Popkultur wurde und wird immer wieder für Bluttaten mitverantwortlich gemacht. Wissenschaftler werben für eine differenzierte Diskussion.

Bonn. Rockmusiker Marilyn Manson ist immer noch verärgert: Seine Karriere habe nach dem Amoklauf an der Columbine Highschool 1999 einen Knick erlitten, beklagte er in Interviews. Nachdem zwei Schüler in dem amerikanischen Vorort 13 Menschen erschossen hatten, waren Texte und "Schock"-Auftritte von Manson in die Kritik geraten. "Scheinheilig" nennt er die Medien, die ihrerseits die Täter auf Titelbilder gehoben hätten.

Aktuelle Diskussion


Aktuell werden die Auswirkungen von Kunst und Medien wieder diskutiert. Bereits nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden standen die sogenannten Killerspiele im Fokus; auch der Münchner Täter David S. war ihnen offenbar zugeneigt. Die Debatte ist freilich älter.

Einen Einschnitt markierte 1774 der europaweite Erfolg der "Leiden des jungen Werther" von Goethe. Der Titelheld schreibt vergebliche Briefe an Lotte, das Buch endet mit Werthers Suizid. Die Folgen: Lesesucht, Werther-Fieber, rund ein Dutzend belegte Selbsttötungen - wobei sich Gerüchte über eine regelrechte "Welle" von Freitoden bis heute halten. Vom "ersten Medienskandal der Moderne" schreibt der Literaturwissenschaftler Martin Andree in seinem Buch "Wenn Texte töten".

Wenn ein Buch zum Kult werde, werde es gewissermaßen zum Schicksal, so Andree weiter. Der Leser habe es nicht mehr nur mit Medien zu tun, sondern mit "Erlebnissen von geradezu halluzinatorischer Wucht". Schon in der Bibel findet sich das "Verschlingen" von Texten: Als Ezechiel zum Propheten wird, lässt der Herr ihn eine Schriftrolle essen - verinnerlichen im wahrsten Sinne des Wortes (Ez 2,8-3,3). Offensichtlich verändert der Text den Leser.

Die emphatische Lektüre, wie Andree sie bezüglich "Werther" beschreibt, lässt sich auf spätere Kunstformen übertragen. Dass Leser fehlgeleitet werden könnten, sieht der Wissenschaftler indes als "unwahrscheinlichen Einzelfall". Einen Schritt weiter geht der italienische Philosoph Franco Berardi: Manche Täter wollten unbedingt die Grenze zwischen Kunst und Realität aufweichen. Als Beispiel nennt er James Holmes, der vor drei Jahren in einem amerikanischen Kino zwölf Menschen erschoss. Ob Holmes sich tatsächlich für die Comic- und Filmfigur des "Jokers" hielt, ist unklar. Jedenfalls habe er "Teil des Films" sein wollen, schreibt Berardi in "Helden. Über Massenmord und Suizid".

Inszenierte Morde


Derartig inszenierte Massenmorde werden seit etwa 15 Jahren häufiger. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer rechnet mit einer steigenden Zahl. Auch wenn viele Amokläufer sich selbst richteten, gehe es ihnen darum, anderen etwas zu demonstrieren, schreibt er in der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag). Das Interesse der Medien und die breite Aufmerksamkeit wirkten "auf die entsprechenden narzisstischen Störungen wie ein Magnet".

Ausgrenzung und Demütigungen - solche Erfahrungen haben viele Gewalttäter gemeinsam. "Sich kränken und gekränkt zu werden nehmen rapide zu, je intensiver uns die Bildschirme eine heile Welt voller schöner Menschen vorgaukeln, die attraktiv sind und attraktive Dinge tun", so Schmidbauer. Viele Menschen seien heimlich neidisch auf jene, die scheinbar glücklich, beliebt und unbeschwert durchs Leben gingen - und jener Neid hänge mit dem Wunsch von Terroristen zusammen, "eine feiernde Welt, die sie und ihr Leid ignoriert, aus dieser Feierstimmung zu reißen".

"Echtzeit-Thriller"


Wenn klassische Berichterstattung und Soziale Medien sich immer stärker aufeinander beziehen - wie am Freitag, als die Lage in München noch unübersichtlich war - kann indes nicht nur der Täter Geschichte schreiben. Auch die Zuschauer erlebten gewissermaßen "einen blutigen Echtzeit-Thriller", schreibt der Kommunikationsexperte Martin Weigert auf t3n.de. Gefühlt könne jeder zum Handelnden werden: durch das Verbreiten von Gerüchten, Spekulationen, Anmerkungen.

Deshalb überrascht die Forderung des Kriminalpsychologen Rudolf Egg wenig: Professionelle Journalisten müssten Distanz zu Twitter, Facebook und Co. wahren, sagte er der "Welt". Im Südwestrundfunk erinnerte er an die Empfehlung des Deutschen Presserats, über Selbsttötungen zurückhaltend zu berichten. Andernfalls schürten die Medien womöglich, so Schmidbauer, die "Ruhmsucht" möglicher neuer Täter.
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