Ein Knie wird zum Kerl

Der Vorhang geht auf. Aber es treten keine Schauspieler auf, sondern Puppen. Sie sprechen, lachen oder weinen. Das ist das Werk von Puppenspielern. Sie können alle möglichen Dinge lebendig wirken lassen. Das lernen sie für ihren Beruf.

Ann-Kristin krempelt ihre Hose hoch. Dann malt sie sich zwei Punkte aufs Knie. Das sollen Augen sein. Darunter zeichnet sie einen Schnurrbart. Fertig ist ein Gesicht. Darüber zieht Ann-Kristin ein blaues Hemd. Sie steckt ihre Hände durch die Ärmel. So entsteht plötzlich eine Figur. Ein kleiner Kerl mit Schnurrbart. Er guckt neugierig den Weg, zupft sich das Hemd zurecht und stellt sich vor: "Ich bin Keule."

Es ist die Stimme von Ann-Kristin, die das sagt. Aber auch wieder nicht. Sie klingt anders als ihre normale Stimme. Es ist eben Keules Stimme. Ann-Kristin lässt den kleinen Kerl lebendig wirken. "Ich stelle mir vor, wie Keule so ist. Wie er sich bewegt und wie er redet. Und dann spiele ich einfach los", erzählt Ann-Kristin. Sie ist 27 Jahre alt und lernt den Beruf Puppenspielerin.

Vor einigen Monaten hat Ann-Kristin angefangen, diesen Beruf an einer Hochschule für Schauspielkunst in Berlin zu lernen. Sie studiert Puppenspiel. "Es macht mir viel Spaß, die Dinge lebendig werden zu lassen", sagt Ann-Kristin. Darum geht es beim Puppenspiel.

Für sie ist es nicht nur so, als ob die Dinge lebendig wirken. "Sondern für mich leben sie wirklich", sagt Ann-Kristin. Das gilt aber nicht nur für Puppen, sondern auch für Gegenstände. "Ich hab mich neulich gefragt: Wie bewegt sich ein Pfefferstreuer, wenn er über etwas nachdenkt?", sagt Ann-Kristin. "Das hab ich ausprobiert."

"Je nachdem wie ein Gegenstand oder eine Puppe bewegt wird, kann man sehen, wie sie sich fühlt und was sie denkt", sagt Ann-Kristin. Puppenspieler-Profis beherrschen so etwas perfekt. Sie brauchen dafür vor allem viel Fantasie. Sie müssen aber auch sonst jede Menge können. Als Studentin lernt Ann-Kristin, was alles dazugehört, um Dinge lebendig wirken zu lassen. Zum Beispiel die Stimme richtig einzusetzen, um Figuren reden zu lassen. Dazu bekommt Ann-Kristin Sprechunterricht.

"Neulich sollte ich eine Geschichte vorlesen und mir überlegen, wie das Schaf darin klingt", sagt Ann-Kristin. "Bei mir hatte es eine ganz tiefe Stimme." Die Studentin übt auch, was sie mit ihrem Körper ausdrücken kann - allein dadurch, wie sie sich bewegt. "Vieles, was wir üben, lernen auch Schauspieler", sagt Ann-Kristin.

Als Puppenspielerin nutzt sie nicht nur ihren eigenen Körper, um in eine andere Rolle zu schlüpfen. "Sondern ich kann mit allen möglichen Dingen spielen, vom Pfefferstreuer bis zur Plastiktüte oder einer Puppe", sagt Ann-Kristin. "Puppenspiel geht sogar mit mehreren Figuren gleichzeitig. Da gibt es keine Grenzen. Das mag ich so an dem Beruf." (dpa)
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