Ein Ortsteil bei Erbendorf namens Straßenschacht ist nicht wirklich ein Schacht
Familie Fürst wohnt im Straßenschacht

Gerlinde Fürst an ihrem tiefergelegten Obstbaum: Der Baum versank immer tiefer im Boden, je mehr er wuchs. Inzwischen steht er wieder stabil.

Straßenschacht - da entstehen Bilder von Kanaldeckeln oder Gullys im Kopf. Wohnen möchte man da nicht. Ganz anders denkt Familie Fürst, sie fühlt sich wohl im Straßenschacht. Ihr Zuhause nahe Erbendorf hat mit dem Wasserablauf nur den Namen gemein.

Erbendorf. (njn) Tatsächlich gibt es bei Erbendorf einen Ortsteil, der ganz offiziell Straßenschacht heißt. Mit der Kanalisation hat der nichts zu tun. Vielmehr ist der Name eine Erinnerung an die lange Bergbautradition der Steinwaldstadt. Im Grunde ist der Straßenschacht ein Straßenzug: 500 Meter ist der Abschnitt beim Kreuzstein westlich von Erbendorf lang. Bis in die 1960er Jahre war dort viel los, der Abschnitt war Teil der Reichsstraße 22 von Erbendorf nach Kemnath, später der B 22. Als die Bundesstraße einige Meter nach Osten wanderte, wurde es ruhiger im Straßenschacht. 1970 übernahm sie die Stadt als Gemeindeverbindungsstraße.

Name dient als Erinnerung

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Grundstücke an der Straße unbewohnt. Damals zählten die Flächen zur selbstständigen Gemeinde Altenstadt bei Erbendorf. Erst als Bergleute und Geologen sich für das Gebiet zu interessieren begannen, kehrte Leben ein. Damals lag der Bergbau am Steinwald am Boden. Die Silberabbaustätten waren erschöpft. Die Bergbauunternehmen suchten nach neuen Förderplätzen, aber die Funde waren so unergiebig, dass sich ein Abbau nicht lohnte.

Aufwärts ging es ab 1853. Die Gruben gingen wieder in Betrieb, allerdings suchten die Bergleute neue Schätze: Sie waren überzeugt, dass im Silberrangen ein vielversprechendes Kohlegebirge liegt. 1856 begann die Suche nach Steinkohle. Im Grunde war das ungewöhnlich spät, denn schon Akten aus dem Jahr 1654 berichten von Steinkohlenlagern.

Neben dem Kohlenschacht am Bergwerk entstand ein neuer Schacht an der Kemnather Straße, zur Unterscheidung erhielt er den Namen "Straßenschacht". Ein Bohrturm stand beim "Fuchsweiherl" von Mitte Oktober 1859 bis Ende Januar 1860. Die Ergebnisse waren überraschend gut. Die Bergleute stießen auf etwa fünf Fuß - gut eineinhalb Meter - mächtige Steinkohleflöze. Laut der Akten wurde der Schacht "auf 56 Lachter abgeteuft". Nach dem bayerischen Maß entspricht ein Lachter 1,97 Meter. Das heißt, die Bergleute gruben gut 110 Meter tief. Kohle förderten sie dann aber nicht. Bis 1865/66 kam der Erbendorfer Bergbau wieder zum Erliegen.

Vom Schacht scheint nur der Name geblieben. Tatsächlich gibt es mehr, wie Gerlinde Fürst berichtet. Im Garten ihres Elternhauses liegt nämlich der Schacht, der 1860 eingefüllt wurde. Ältere Leute kennen den Ortsteil auch als "Bohrschacht", sagt sie. Fürst kann sich erinnern, dass in ihrer Kindheit an dem Schacht ein Gemüsebeet war, das jährlich um einige Zentimeter einsank. "Meine Mutter traute der Sache nicht, deshalb hat sie das Beet etwas verlegt."

Auch Familie Fürst stellte noch Bewegung im Gartenboden fest: "Drei Obstbäume sind einige Zentimeter versunken, als sie größer und schwerer wurden." Inzwischen sei der Garten zur Ruhe gekommen: "Seit einigen Jahren herrscht Stillstand." Mit dem Namen Straßenschacht hat sie kein Problem. "Nur fremde Leute finden das komisch." Das merke sie, wenn sie Post bekommt. "Da steht dann nicht Straßenschacht in der Adresse, sondern Schachtstraße." Unwissende denken eben, dass man in einem Straßenschacht nicht leben kann.
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