Eine Koreanerin zum Cruisen

Wie viel Motorrad braucht der Biker wirklich? Müssen es tatsächlich mehr als ein Liter Hubraum und über 100 PS sein? Immer mehr Zweirad-Fans beantworten diese Frage mit einem klaren Nein.

Der Boom in der Klasse zwischen 500 Kubik und 700 Kubik ist unübersehbar. Die Hyosung GV 650i PRO passt hier genau rein. Kann die Koreanerin im Konzert der Platzhirschen aus Europa und Japan mithalten?

Beinamen "Aquila"

Rein optisch macht die Hyosung mit dem Beinamen "Aqulia" schon mal ordentlich was her: der fette, ewig lange Auspuff, der lang gestreckte Tank, der dicke Schlappen hinten, die herzförmige Sitzschale für den Fahrer. Die ganze Anmutung platziert das 240-Kilo-Trumm punktgenau in die Cruiser-Klasse. Auch Fahrer der Kultmarke Harley-Davidson rümpfen bei ihrem Anblick nicht automatisch die Nase. Man kann sich mit der GV 650i durchaus sehen lassen. Auch das ist vielen Bikern wichtig.

Breiter Lenker

Die Cruiser-typisch knappe, aber ausreichende Instrumentierung (immerhin mit Tank- und Kühlwasseranzeige), der langgezogene, breite Lenker, die weit vorne liegenden Fußrasten: Die koreanischen Designer und Ingenieure haben offenbar genau auf die Mitbewerber geschaut, ehe sie die Aquila in Angriff genommen haben. Die Sitzposition ist durchaus komfortabel, zumindest für den Fahrer. Die Zahl der Ablage-Möglichkeiten tendieren - auch wieder typisch Cruiser - gegen null. Und der Tankinhalt erweist sich als alltagstauglich: Angesichts eines Testverbrauchs von knapp fünf Litern reicht eine Füllung bis zur Reserve immerhin gut 200 Kilometer. Wer dann noch keine Pause braucht, muss schon ein harter Hund sein.

Und er darf natürlich nur cruisen, nicht hetzen. Aber der Motor scheut auch die flotte Fahrweise nicht: Das Zweizylinder-V-Aggregat mit 647 Kubik bringt es immerhin auf 55 kW/74 PS und 195 km/h Spitze. Letzterer Wert scheint realistisch, denn im Test zeigt der Digital-Tacho maximal 205 Sachen an. Eine Freude ist das aber höchstens für Masochisten. Denn der Winddruck verursacht in kürzester Zeit sehr unangenehme Empfindungen. Dafür ist die Aquila definitiv nicht gebaut.

Cruising ist ihr Metier. Das macht Spaß, das entspannt. Sanft bollernder Auspuffsound, sanftes Lüftchen um die Biker-Nase, dazu die passende Strecke mit tendenziell eher sanfteren Kurven: so stellen sich sicher viele Motorrad-Fahrer den idealen Ausflug mit der in Schwarz oder Silber lieferbaren Koreanerin vor.

Lastwechsel-Ruckeln

Das ordentlich schaltbare Getriebe verfügt über fünf gut abgestufte Gänge. Die Kraft aus dem V-Motor kommt per Riemenantrieb ans Hinterrad, der ist wartungsfreundlich, leise und sorgt auch für eine sanftere Übertragung als Kette oder Kardan. Allerdings kann auch das nichts gegen einen Makel bei der Testmaschine ausrichten, die unter einem zum Teil lästigen Lastwechsel-Ruckeln laboriert. Ob beim Dahinrollen in der Stadt oder beim Durchfahren einer Serpentine: In dem Moment zwischen Ziehen und Schieben wird es unruhig, was natürlich speziell in engen Kurven die Harmonie zwischen Fahrer und Maschine stört.

Ansonsten gibt die Aquila keinen Anlass zur Kritik. Sie schaut gut aus, wirkt solide verarbeitet, bremst mit drei ausreichend dimensionierten Scheiben zuverlässig und präsentiert sich als durchaus flotter Zwischensprinter und insgesamt angenehmer Reisepartner. 6 690 Euro ruft Hyosung Deutschland für den Cruiser auf, damit kann die GV 650i nochmals punkten. (Rudolf Huber/mid)
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