Eine Million Kilometer mit dem Opel Astra
Die erste Million

Am Steuer kommt Helmut Diesner ohne modernen Schnickschnack aus. Klimaanlage? - Felanzeige. Fast alles im Innenraum ist noch original, nur beim Autoradio ist der Kötzersdorfer mittlerweile von Kassette auf CD umgestiegen. Bilder: Götz
 
Rost, Dellen, Kratzer, matter Lack - die 21 Jahre sind an dem Astra Kombi nicht spurlos vorbeigegangen. Der Motor dagegen läuft noch wie am ersten Tag - dank regelmäßiger Pflege und Wartung.

Kemnath. (luk) Helmut Diesner ist ein bodenständiger Mensch. "Schickimicki-Zeugs" könne er gar nichts abgewinnen, sagt er. Ein Grund, weshalb er immer noch seinen 21 Jahre alten Opel Astra 1.7 Diesel fährt. Der Kötzersdorfer weiß, was er an seinem Kombi hat - und wie einzigartig sein Auto eigentlich ist.

Unglaubliche 999 455 Kilometer zeigte der Tacho Anfang der Woche an. Die Million möchte Helmut Diesner am Donnerstag auf dem Kemnather Stadtplatz vollmachen. Genauer gesagt vor der "Houderer"-Zoiglstube, wo gegen 17.30 Uhr ein Fest steigen soll: "Wer möchte, kann kommen." Der 53-Jährige hat alles genau geplant, damit dann der Tacho, der nur eine sechsstellige Zahl darstellen kann, exakt zur Feier schließlich wieder auf Null springt. So hat sich der Außendienstmitarbeiter einer Firma, die bundesweit Flüssiggas vertreibt, am Montag und Dienstag das Auto der Tochter für seine Fahrten geliehen. Heute und am Donnerstag geht es aber wieder mit dem Astra unter anderem nach Coburg. Diese Strecken habe er ausgerechnet, "ich weiß ja, wie viel ich dabei ungefähr fahre".

Drei Mal zum Mond

Fast drei Mal die Distanz zwischen Erde und Mond hat der Wagen des Energie-Systemberaters zurückgelegt. Das hat Spuren hinterlassen. Vor allem an den Kotflügeln und an den Türschwellern zeigen sich Korrosionsflecken. "Der Rost nagt schon ganz schön", erklärt denn auch der dreifache Vater. Immer wieder habe er Bleche "reingeschweißt, weil sonst könnte man ein Auto nicht so lange fahren". Wo das nicht mehr ging, behalf er sich mit Teilen vom Schrottplatz. 60 Euro kostete damals die silberne Heckklappe, erinnert sich der Kötzersdorfer. Sie hebt sich ebenso von der sonst metallic-türkisen Karosserie ab wie die mittlerweile ziemlich verkratzte und verblichene dunkle Motorhaube, die von einem Autoverwertungsunternehmen aus Weiden stammt. Nicht mehr repariert hat er das vordere Seitenfenster auf der Fahrerseite, das sich seit etwa 5 Jahren nicht mehr runterkurbeln lässt.

5 Liter Diesel auf 100 Kilometer

"Doch am Motor war noch nie etwas kaputt", beteuert er. In den 17 Jahren, in denen er den Astra fahre (Kilometerstand beim Kauf: rund 100 000), sei er noch nie wegen eines Defekts liegengeblieben, obwohl unter anderem die Ventile noch die alten sind. Immer aufs Wasser schauen, regelmäßig den Zahn- und Keilriemen erneuern sowie alle 10 000 Kilometer einen Öl- und Ölfilterwechsel, sind seine Tipps. Und das Allerwichtigste: "Den Motor nicht hochdrehen und nicht heiß werden lassen." Selbst auf der Autobahn fahre er deshalb nie schneller als 120 Kilometer pro Stunde. Nicht zuletzt deshalb brauche die Maschine nicht mehr als 5 Liter Diesel auf 100 Kilometer.

Im Motorraum läuft lediglich die inzwischen dritte Lichtmaschine, und auch der Anlasser ist nicht mehr der erste. Ebenso die Kupplung, die sich bei rund 700 000 Kilometern "verabschiedet" hat. Immer wieder selbst ersetzt hat der Technische Inspektor Verschleißteile wie die Bremsen. "Beim TÜV hat es noch nie ein Problem gegeben." Die Prüfberichte habe er alle aufgehoben. Rund 5000 Kilometer im Monat "spult" der Gebietsvertreter seit 14 Jahren bei seinen Touren in einem Umkreis von rund 120 Kilometern ab. Immer im Gepäck auf der Rückbank und im Kofferraum seine Bürosachen, die ein ausgebleichter FC-Bayern-München-Sonnenschutz von außen verdeckt.

"Man muss schon Idealist sein"

Hin und wieder stehen noch Tagungen an. Und dann fällt der Wagen unter den Karossen seiner Kollegen auf. Nur gehobene Mittelklasse habe er erst vor kurzem bei einer Besprechung in Koblenz gesehen. "Man muss schon Idealist sein", räumt Diesner ein. Doch er brauche nicht den "ganzen Schmarrn" wie eine Klimaanlage. Nur den "Luxus" eines Radios mit CD-Spieler habe er sich vor zwei Jahren gegönnt. Sein Frankfurter Arbeitgeber habe ihm einmal nahegelegt, "nicht mit so einem Auto" zu den Kunden zu fahren. Doch die reagierten trotz dessen Erscheinungsbilds positiv auf den Astra, berichtet der Kötzersdorfer. "Immer wieder fragen sie: ,Herr Diesner, fahren sie eigentlich noch ihr Auto?'" Wenn es nach ihm geht, noch so lange wie möglich. Proteste seiner Frau Isolde hat er wegen des Kombis, den er nie wäscht "und hin und wieder mal raussaugt" nicht zu befürchten: "Sie hat noch kein anderes Auto gesehen. Es macht ihr nichts aus." Im Beruf muss sich Diesner allerdings doch umorientieren. 2017 werde die Firma Dienstfahrzeuge einführen.
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