Einer schwebt über Pilsens Dächern

Petr Forman, Sohn von Hollywood-Regisseur Milos Forman, gestaltet als künstlerischer Leiter von Pilsen 2015 auch die offizielle Eröffnungsfeier.

Petr Forman, Regisseur, Drehbuchautor und Dramatiker, bringt den Zauber des Nouveau Cirque, des neuen Zirkus, nach Pilsen. Europas Spitzen-Ensembles übertreten die Grenzen zwischen Akrobatik, Tanz und Theater.

Wie gingen Sie bei Ihrer Suche nach Themen und Plätzen für die feierliche Eröffnung in Pilsen vor?

Forman: Genau so wie bei meinen Theaterprojekten. Unter der Prämisse freilich, dass die Veranstaltung im Januar im Freien stattfinden und alle Pilsener und Gäste ansprechen soll. Das Motto der Kulturhauptstadt lautet: "Wir wollen die Stadt öffnen - open up."

Wir laden ein, zusammen mit uns das Kulturhauptstadtjahr in Pilsen zu feiern. Auch das Pilsner Stadion wäre ein möglicher Ort gewesen, verfügt aber nicht über die ausreichende Kapazität. Pilsens großer und schöner Marktplatz hat mich schließlich überzeugt - er kann etwa 25 000 Menschen beherbergen. Und ich habe mir gedacht - ja, das hat eine Logik. In diesem Projekt steht ja die Stadt im Vordergrund. Ich ging zum Platz der Republik und ließ mich von ihm wie von einer Bühne inspirieren.

Wie ist das finale Konzept für die Eröffnung entstanden?

Forman: Ich habe überlegt, welche Themen auf der einzigen Bühne gezeigt werden sollten. Bei mir stand vor allem eine Geschichte im Mittelpunkt - der Moment, wenn alle zusammenkommen und dieses Erlebnis teilen. Pilsen verwandelt sich dann in eine große Partyzone mit mehreren Schauplätzen. Ich hatte die Spendenaktion für den Guss von vier neuen Glocken für die St. Bartholomäus Kathedrale mitbekommen. Die hätten eigentlich am 1. Januar das erste Mal läuten sollen - wir eröffnen aber am 17. Januar. Also habe ich Herrn Janák angesprochen, der diese Spendensammlung mitinitiiert hatte. Ich habe ihm mein Konzept erklärt und ihm gesagt: Lassen Sie uns die Glocken anlässlich unserer Eröffnung zum ersten Mal läuten, dann stehen sie im Mittelpunkt der ganzen Inszenierung.

Und Sie bekamen grünes Licht?

Forman: Nach einem Monat sagte er zu, und ich habe die Inszenierung dem Glocken-Läuten angepasst.

Können Sie das gemeinsame Erlebnis, das die Besucher erwartet, etwas genauer beschreiben

Forman: Da bin ich zurückhaltend, ich will die Besucher ja überraschen. Ich kann verraten, dass wir mit Hilfe von vielen Projektoren den Marktplatz in Bewegung setzen werden - die größte Video-Mapping_Show in Tschechien. Wir projizieren Bilder zu den Themen Glocken, Geschichte, Persönlichkeiten an die Kathedrale und Häuser am Marktplatz, die zur Bühne werden. Das wird keine statische Dokumentation, eher eine Art Performance. Ein weiteres Highlight ist David Dimitris Seiltanzakt von der Kathedrale bis zum Puppenmuseum - ebenfalls im Rhythmus der neuen Glocken. Gespielt werden außerdem Kompositionen des jungen Komponisten Marek Ivanovic. Und dann gibt's noch einige Überraschungen.

Wie viele Kultur- und Kunstakteure bringen Sie auf die Bühne?

Forman: Etwa 100 Künstler - Tänzer, Turner, Akrobaten, Marionettentheaterspieler, Musiker klassischer sowie auch von Rockmusik.

Ich stelle mir Sie als Dirigenten vor - Sie geben den Takt vor und setzen Ihre Komposition genau um?

Forman: Auf die Sekunde genau. Ich gehe davon aus, dass die Veranstaltung rund 45 Minuten dauern wird. Es wird schon seit einigen Monaten an verschiedenen Orten geprobt, weil das am Marktplatz natürlich nicht möglich ist. Drei Tage vor der Eröffnung proben wir dann am Marktplatz selbst. Für mich persönlich ist das Ganze eine neue Erfahrung und Herausforderung.

Sie sind auch für die Saison des Neuen Zirkus in Pilsen zuständig. Worauf können wir uns da freuen?

Forman: Die fantastische Welt des Neuen Zirkus (NZ) fasziniert mich. Auf der anderen Seite habe ich überlegt, wie wir es schaffen, dass dieses Zirkus-Projekt auch diejenigen anspricht, die bisher mit kunstvoller Artistik nicht so viel anfangen können. Es macht den Geist dieser neuen Zirkusidee aus, dass er direkt zum Besucher kommt, dort sein Zelt aufschlägt, wo die Menschen leben. Übertragen: Er holt sie dort ab, wo sie sich gerade befinden. Alle Projekte, die wir für die Saison des NZ in Pilsen ausgewählt haben, sind sehr professionell und auf hohem künstlerischen Niveau.

Können Sie Beispiele nennen?

Forman: Wir starten mit David Dimitri - einem meiner Lieblinge. Es folgen der Zirkus Trottola, der in Tschechien mittlerweile sehr bekannt ist. Aus Katalonien kommt die Gruppe PSiRC, aus Italien Magdaclan, der Zwei-Personen-Zirkus Cirque Aital oder die Akrobaten Acoreacro. Jede Vorstellung hat ihren eigenen Zauber, ihren eigenen Fokus. Fans, die sich kein Gastspiel entgehen lassen, erleben die ganze faszinierende Bandbreite dieses Genres.

Was wünschen Sie Pilsen für das Kulturhauptstadtjahr?

Forman: Ich wünsche mir, dass sich die Menschen ohne Scheuklappen für die fantastische Bandbreite an Programmen der Kulturhauptstadt Europas öffnen und selbst etwas Kultur zum Leben erwecken. Und die zweite Sache, die ich diesem Großereignis wünsche: Wenn es gelingt, dass Menschen heute für neue Glocken, die ihnen keinen unmittelbaren materiellen Vorteil bescheren, Geld spenden, können sie auch in einer viel größeren Dimension in einer kleinen Stadt große Kultur schaffen - das wünsche ich Pilsen von Herzen.
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