Ende einer TV-Ära
Fernseh-Deutschland nimmt „Raabschied“

Stefan Raab ist bekannt durch seine Entertainment-Show "TV total". In der Sendung war keiner vor dem bissigen Humor des Moderators sicher. Die letzte Folge lief am Mittwochabend.
 
Unvergessen ist der Boxkampf zwischen Boxweltmeisterin Regina Halmich und Raab im März 2007 in der ausverkauften Kölnarena in Köln. Bilder: dpa (2)

Am Samstag geht eine Fernseh-Ära zu Ende. Stefan Raab quält sich zum letzten Mal über den Spiele-Parcours, auf dem ihm ein Kandidat den Jackpot abluchsen will. Mit Raab verschwindet ein großer Entertainer.

Berlin. Es wird wie immer ein langer Abend werden und Stefan Raab wird rennen, schwitzen, brüllen, grübeln, jubeln, fluchen. Er wird sich am Samstag, 19. Dezember wieder einmal in bis zu 15 Spielen gegen einen Kandidaten durchbeißen. Ob der Gastgeber sich in der 54. Ausgabe seiner Show "Schlag den Raab" durchsetzt oder der vom Publikum benannte Herausforderer, das ist noch offen. Doch eines steht fest: Raab wird nach der Live-Sendung seine "Fernsehschuhe an den Nagel hängen", wie er es schräg formulierte, als er vor Monaten den Ausstieg ankündigte.

Viele Fragen bleiben: Also zum Beispiel auch, was mit den 1,5 Millionen Euro im Jackpot passiert in dem Fall, dass Raab und nicht sein Gegner gewinnt. Ein ProSieben-Sprecher sagt, eine Antwort darauf werde die Show geben. Eine weitere Frage ist, was der große Meister eigentlich nach seinem Abtritt macht - hinter den Kulissen weiter Geschäfte betreiben, monatelang segeln oder gar den Hausmann spielen? Die größte Frage aber ist: Hat das traditionelle deutsche Fernsehen nach dem Weggang seines kreativsten Kopfes noch irgendwelche Persönlichkeiten?

Verlust für das Fernsehen


Was Raab, der sein Privatleben stets unter dem Deckel hielt, künftig treibt, weiß im Grunde nur er selbst. Bekannt ist, dass er gern lange Segeltörns macht, auch dass er sich gelegentlich auf der Tribüne des 1. FC Köln blicken lässt, am liebsten mit Zigarre wie vor einigen Wochen mit dem Geschäftsführer der "Schlag den Raab"-Produktionsfirma Brainpool, Jörg Grabosch. Interview-Wünsche lehnt er ab. Viele wissen: Ohne Stefan Raab wird Fernseh-Deutschland ärmer. Die Zeit der Selfmade-Unternehmer, die sich mit Gitarre und einer Portion Frechheit im TV hemmungslos auf der Bühne produzieren, ist vorbei. Der rasche ungebremste Auf- und Abstieg eines Entertainers ist im Privat-TV mittlerweile genau so schwierig wie schon in den 80ern im öffentlich-rechtlichen Funk. Inzwischen wird ohne Ende gefiltert, Testshows, Prototypen, werden noch und nöcher gedreht, bis der Look stimmt, der Reiz aber völlig verblasst ist.

Die anderen prominenten TV-Gesichter im Showgeschäft sind keine Raabs - der Mann hat seine Spektakel selbst erfunden und hat Herzblut hineingesteckt. Die anderen werden in der Branche als "Gesichtsvermieter" geführt, ihnen wurden die Formate auf den Leib geschrieben, wird dann gesagt. Die Generation nach Raab? Fehlanzeige. Es gibt sie nicht, die großen Entertainer. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf unterhalten fast ausschließlich die Jugend, sie bekommen 2016 von ProSieben noch mehr Shows, Jan Böhmermann ist mit seiner Satire für die Masse zu intellektuell.

Klar kalkuliert


Doch die Hoffnung ist nicht ganz verschwunden. "Raab wird sicherlich als kreativer Kopf hinter der Kamera noch viele innovative Formatideen realisieren", sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher. "Die Zeit der TV-Stars wird nie aufhören zu existieren." Dass Raab an der Firma Brainpool, an der er über Raab TV beteiligt ist, weiter verdient, gilt als sicher. Vielleicht entdeckt er hinter den Kulissen auch weiter Talente und baut sie auf. Wie klar Raab kalkuliert, zeigte sich schon vor rund 20 Jahren. So alt ist etwa ein auf Youtube abrufbares Video, in dem der 30-Jährige, damals noch bei MTV unter Vertrag, klarstellt: "In meiner Anfangszeit bei Viva habe ich mal gesagt, dass ich nicht im Fernsehen alt werden möchte." Raab, inzwischen Vater zweier Töchter, meinte weiter: "Ich möchte nicht meinen Kindern erzählen: 'Guck mal, das im TV ist der Papa, der macht da den lustigen Onkel, damit er Euch was zum Anziehen kaufen kann.'"

Ersatzsuche fehlgeschlagen


Sollte Raab wieder ins Fernsehen wollen, würden ihm Tür und Tor offen stehen. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sagte kürzlich der Zeitschrift "Hörzu", Raab sei "einer der innovativsten Fernsehmacher, dem ich spannende Formate bei uns zutrauen würde". Mit RTL wurde der gelernte Metzger bereits in Verbindung gebracht, weil dort eine Art "Wetten, dass..?" für das junge Publikum in der Entwicklung gewesen sein soll. RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann gab sich beim Gespräch im September dazu bedeckt: "Ich kann nicht sagen, warum Stefan Raab aufgehört hat. Es wird aber nicht das primäre Ziel gewesen sein, bei RTL zu landen. Davon müssten wir dann ja wissen."

Wie schwer es ohne Raab ist, bekam ProSieben bereits zu spüren: Erste Versuche von Raabs Sender, mit Nachwuchsköpfen zu agieren, schlugen im Herbst weitgehend fehl: Lena Gercke und Palina Rojinski können dem "King of Kotelett" nicht das Wasser reichen, die Quoten bei Shows wie "Got to Dance", "The Big Surprise - Dein schönster Albtraum", "Inside - Unterwegs mit Palina" oder "Prankenstein" waren zum Teil dünn. Dennoch: Gercke und Rojinski spielen weiter eine Rolle bei ProSieben.
Ich möchte nicht meinen Kindern erzählen: "Guck mal, das im TV ist der Papa, der macht da den lustigen Onkel, damit er Euch was zum Anziehen kaufen kann."Stefan Raab
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