Extremismus tötet die Toleranz

Zum aktiven Handeln gegen Extremismus fordert ein Leser alle muslimischen Mitbürger auf:

In muslimischen Ländern demonstrieren sie gegen unsere Meinungsfreiheit, zünden gar Kirchen an, weil sie Mohammed beleidigt sehen. Nun, mein Geschmack sind die Mohammed-Karikaturen zwar auch nicht, aber das ist kein Grund gewalttätig zu werden. Wenn in Nigeria eine Christin unschuldig ins Gefängnis gesperrt, dort vom Personal vergewaltigt schwanger wird und dann - streng nach der Scharia - wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll, dann gibt's diplomatische Hektik, dann gibt's Aktionen von amnesty international, aber es zieht bei uns kein wütender Mob durch die Straßen, der Fahnen verbrennt, zum Kreuzzug aufruft, Moscheen anzündet und Moslems massakriert.

Unserer Meinung nach verstößt die Behandlung der Frauen in arabischen oder afrikanischen Ländern gegen die fundamentalsten Grundlagen unserer Menschenrechte (und nebenbei auch unserer Religion) und trotzdem drohen wir niemandem mit dem Tod, sondern versuchen durch Reden und Überzeugung hier einen Wandel zu bewirken.

Diese Toleranz wünsche ich mir bitteschön deshalb auch im umgekehrten Fall. Leider sind es in Pakistan und sonstwo nicht nur vereinzelte Extremisten, sondern durchaus breitere Volksschichten die sich sehr intolerant und gewalttätig verhalten. Wenn solche "normale" Menschen dann - warum auch immer - nach Deutschland kommen, bringen sie diese Einstellung mit. Für den normalen hiesigen Bürger ist nicht erkennbar, wer und zu welchen Anteilen seine religiösen Überzeugungen hinter unseren in der Verfassung festgelegten Wertvorstellungen zurückstellt und wer nicht. Anders ausgedrückt: Wie belastbar sind die Versprechungen der hiesigen Muslime freiheitlich-demokratisch-friedlich im europäischen Sinne zu sein? Sie profitieren von unserer Toleranz und das ist gut so.

Aber diese positive Erfahrung, die sie mit unserer Toleranz machen, wie sehr sich dies positiv auf die Lebensqualität auswirkt, ist nicht nur Gabe sondern auch Aufgabe: Sie mögen bitte ihre Glaubensbrüder hier und in den Heimatländern davon überzeugen, dass Toleranz jedem einzelnen Menschen genauso wie der gesamten Gesellschaft gut tut und deshalb auch dort angebracht wäre. Wer die hiesige Toleranz in Anspruch nimmt, ja zum Teil sehr selbstbewusst fordert, aber nicht gleichzeitig genauso sehr dafür eintritt, dass diese Toleranz auch in seinem Heimatland, zum Beispiel gegenüber Christen oder politisch Andersdenkenden aufgebracht wird, der wird schnell unglaubwürdig.

Das ist der Nährboden, auf dem Pegida gedeiht. Es ist gut und richtig, dass wir uns hier nicht durch religiöse Fanatiker auseinander dividieren lassen. Die besten Aussichten und erfolgreichsten Möglichkeiten, tolerante Auslegungen des Korans hier genauso wie in Afrika und Asien zum Durchbruch zu verhelfen, haben aber nicht wir "eingeborene Europäer", sondern unsere muslimischen Mitbürger.

Wahrlich keine leichte Aufgabe! Aber wenn sie dieser nicht nachkommen, kann es leicht sein, dass die, die einst vor Krieg und Verfolgung zu uns geflohen sind und hier Schutz gefunden haben, wieder davon eingeholt werden. Allein die demografischen Entwicklungen der verschiedenen Kontinente in Verbindung mit den durch den Klimawandel zu erwartenden Völkerwanderungen legen mittelfristig diese Befürchtung nahe.

Deshalb mahne ich alle muslimischen Mitbürger: Es genügt nicht zu sagen: "Ich bin kein Extremist." Ihr müsst aktiv etwas in Euren eigenen Reihen tun, um diesen Extremismus auszutrocknen, hier wie in Euren Herkunftsländern.

Extremismus tötet die Toleranz, die vielen von Euch das Überleben hier ermöglicht hat. Toleranz und Freiheitlichkeit ist nicht einfach nur da. Manchmal muss sie auch erarbeitet und verteidigt werden. Das ist jetzt der Fall und Ihr seid die, denen hier die wichtigste Teilaufgabe zufällt.

Michael Bartl92280 Kastl
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