Fall Peggy
DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt am Leichenfundort entdeckt [Aktualisierung]

Am Fundort der Leiche des 2001 verschwundenen und getöteten Mädchens Peggy sind DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden. Das teilten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstagabend mit. Bilder: dpa
 
Am Fundort der Leiche des 2001 verschwundenen und getöteten Mädchens Peggy sind DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden. Das teilten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstagabend mit. Bilder: dpa

Der brisante DNA-Treffer am Fundort der getöteten Schülerin Peggy wirft viele Fragen auf. Gab es zwischen dem NSU und dem Fall Peggy eine Verbindung? Nun sollen ungeklärte Fälle neu aufgerollt werden. Die Ermittler brauchen dafür vor allem eines - Zeit.

Bayreuth. Nach der Entdeckung von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der getöteten Schülerin Peggy sollen ungeklärte Straftaten neu aufgerollt werden. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow kündigte am Freitag an, die Akten zu einem ungeklärten Kindsmord aus den 1990er Jahren komplett neu überprüfen lassen zu wollen. Damals seien «Herr Böhnhardt und sein Name schon einmal im Visier» gewesen, sagte der Linken-Politiker in Berlin. «Das müssen wir alles viel, viel gründlicher betrachten.»

Stück Stoffdecke mit DNA von Böhnhardt


Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass am Fundort der Skelettteile des 2001 verschollenen Mädchens aus Oberfranken Genmaterial von Böhnhardt entdeckt worden war. Dieses habe sich an einem Gegenstand befunden. Einzelheiten zu dem Spurenträger teilten die Ermittler am Freitag nicht mit. Er sei im Juli «in direktem Zusammenhang» mit der Entdeckung der Skeletteile aufgefunden worden, berichtete der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel in Bayreuth. Nach «Spiegel»-Informationen handelt es sich um ein Stück Stoffdecke.

Der brisante DNA-Treffer sei erst im Laufe dieser Woche bekannt geworden, teilte Polizeisprecher Jürgen Stadter mit. Die Ermittler rechnen nun mit langwierigen Ermittlungen zu dem Fall. «Es gibt eine Vielzahl von Aufgaben», sagte Potzel. Geprüft werden müsse dabei auch, ob möglicherweise eine Verunreinigung den DNA-Treffer ausgelöst haben könnte.

Angesichts des brisanten Fundes sprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière von einem bemerkenswerten Ergebnis der Kriminaltechnik. «Dass jetzt der Verdacht besteht, dass einer der NSU-Terroristen auch noch der Mörder der kleinen Peggy sein könnte, ist unfassbar», sagte der CDU-Politiker in Wiesbaden.

15 Jahre vermisst


Am 2. Juli war ein Pilzsammler in einem Waldstück im Saale-Orla-Kreis in Thüringen auf Teile von Peggys Skelett gestoßen - nur rund 15 Kilometer vom Heimatort des Mädchens entfernt. Nach dem Fund der Skelettteile hatten Ermittler das Gebiet wiederholt durchkämmt. Erst Ende September war das Waldstück erneut durchsucht worden.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) wurde an Kindersachen aus dem im Jahr 2011 ausgebrannten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen keine DNA-Spur der toten Peggy entdeckt. Dies teilte BKA-Präsident Holger Münch mit. Das BKA habe etwa eine Sandale untersucht. Es sei zwar eine weibliche DNA gesichert worden, aber nicht die von Peggy.

Die Neunjährige war zehn Jahre zuvor - im Mai 2001 - im nordbayerischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Klar ist für die Ermittler, dass der Fundort der Skelettteile nicht der Tatort war. Wie lange Peggy nach dem Verschwinden noch gelebt hat, war aber unklar. Die Knochen seien Peggy im Alter von neun Jahren zuzuordnen, stellte Potzel klar. Offen ist auch, wie lange die Skelettteile in dem Wald gelegen haben.

Der Rechtsextremist Böhnhardt gehörte dem «Nationalsozialistischen Untergrund» (NSU) an. Mit seinem mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos soll er jahrelang unerkannt gemordet haben - hauptsächlich Menschen mit ausländischen Wurzeln. Mundlos und Böhnhardt töteten sich den Ermittlern zufolge im Herbst 2011 nach einem Banküberfall, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe stellte sich der Polizei. Seit fast dreieinhalb Jahren muss sie sich vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten.

NSU-Prozess wie geplant fortgesetzt


Der Prozess wird erst einmal wie geplant fortgesetzt. Mehrere Anwälte von Angehörigen der NSU-Opfer und Mitglieder diverser Untersuchungsausschüsse in Landtagen und im Bundestag haben indes schon Fragen aufgeworfen oder Beweisanträge angekündigt. Dabei geht es etwa darum, was Zschäpe zum Fall Peggy sagen könnte, ob es Zusammenhänge mit Vorwürfen des Kindesmissbrauchs gibt und ob alle ungeklärten Fälle, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien, mit der DNA der mutmaßlichen NSU-Terroristen abgeglichen werden.

Im NSU-Komplex gibt es zahlreiche Hinweise auf Kindesmissbrauch


Am Fundort von Peggys Leiche fanden sich DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt. Das ist nicht der einzige mögliche Zusammenhang zwischen toten Kindern und Vorwürfen zu Kindesmissbrauch im Komplex «Nationalsozialistischer Untergrund».

  • Am 6. Juli 1993 verschwand in Jena ein neun Jahre alter Junge. Zwölf Tage später wurde seine Leiche in einem Gebüsch am Saaleufer gefunden. Unter Verdacht geriet ein Mann, der zwanzig Jahre später wegen seiner mutmaßlichen Rolle als Waffenbeschaffer beim NSU-Prozess in München aussagen musste, ein Schulfreund des späteren mutmaßlichen Terrormörders Böhnhardt und Mitglied derselben kriminellen Jugendgang in Jena. Damals bezichtigte er bei der Polizei Uwe Böhnhardt, das Kind ermordet zu haben. Die Tötung des Jungen ist bis heute nicht aufgeklärt. Der Vorgang findet sich in den Akten des NSU-Prozesses.

  • Ein anderes Beispiel ist Tino Brandt. Er war es, der in den 1990er Jahren die harte rechtsextreme Szene in Thüringen organisierte, auch die «Kameradschaft» von Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe. Vor zwei Jahren wurde Brandt wegen Missbrauchs von Kindern in 66 Fällen sowie Förderung der Prostitution zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Brandt war außerdem jahrelang Geheimdienst-Informant des Thüringischen Verfassungsschutzes.

  • Es gebe weitere Hinweise auf missbrauchte Kinder um den NSU, sagt Rechtsanwalt Yavuz Narin, der die Familie eines der ermordeten NSU-Opfer vertritt. Einige davon fänden sich in den Prozessakten. Darunter ein Mann, der in der Szene als Sprengstoffexperte galt und Zeuge im NSU-Prozess war. In seiner Vernehmung räumte er ein, einmal einen Job verloren zu haben, weil an seinem Arbeitsplatz von ihm gezeichnete Collagen von zerstückelten Kindern gefunden worden seien.

  • Und schließlich fanden sich auf einer Festplatte, die im Brandschutt der Fluchtwohnung des NSU-Trios in Zwickau gefunden wurden, Dateien mit Kinderpornografie. Das war im NSU-Prozess schon einmal Thema. Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, der ebenfalls Opfer-Angehörige vertritt, will es erneut dazu machen. Er kündigte einen Beweisantrag an, um herauszufinden, «wer Kenntnis hatte und wer es draufgeladen hat - Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe oder alle drei».

Der Fall PeggyDer spektakuläre Fall Peggy beschäftigt seit Jahren Ermittler und Öffentlichkeit. Eine Chronik der Ereignisse:

7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.

August 2001: Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.

7. Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.

30. April 2004: Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.

17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

4. April 2013: Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.

8. Januar 2014: Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.

10. April 2014: Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.

7. Mai 2014: Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den geistig behinderten Mann.

18. Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

19. März 2015: Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

3. Juni 2015: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015: Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Mai 2016: Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20 000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.

2. Juli 2016: Ein Pilzsammler findet in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla Skelettreste.

4. Juli 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen "höchstwahrscheinlich" von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

13. Oktober 2016: Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, dass am Fundort der Leiche des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden. (dpa)

Der Fall Peggy und der NSU: Was wir wissen und was nicht


Mehr als 15 Jahre haben die Ermittler nach Spuren im Fall der getöteten Peggy gesucht. Nun machen sie einen spektakulären Fund: DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt wurden am Fundort von Peggys Skelett festgestellt. Doch viele Fragen sind ungeklärt - was wir wissen und was nicht:

WAS WIR WISSEN:

  • Die neunjährige Peggy aus dem bayerischen Lichtenberg verschwindet am 7. Mai 2001 auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg. Am 2. Juli 2016 findet ein Pilzsammler in einem Wald im thüringischen Saale-Orla-Kreis Skelettreste, die von Peggy stammen.
  • Das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen am Donnerstagabend mit, dass am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden seien. Der DNA-Treffer erfolgte in dieser Woche. Noch ist unklar, in welchem Zusammenhang die dabei gefundene DNA-Spur Böhnhardts steht und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy steht.
  • Fest steht nach den Worten des Bayreuther Oberstaatsanwalts Harald Potzel nur, dass die am Fundort entdeckten DNA-Spuren Böhnhardts an einem Gegenstand gefunden wurden. Nach «Spiegel»-Informationen handelt es sich dabei um ein Stück Stoffdecke. Der Bayerische Rundfunk berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, dass es sich um ein Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels handele.
  • Uwe Böhnhardt starb am 4. November 2011 - mutmaßlich durch Schüsse seines Mittäters Mundlos, bevor dieser sich in einem Wohnmobil selbst tötete. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe sollen laut Bundesanwaltschaft jahrelang unerkannt gemordet haben. Das Trio aus Jena tauchte demnach nach einer Razzia in seiner Bombenwerkstatt 1998 ab und gründete die Terrorgruppe. Zwischen 2000 und 2007 erschoss die Gruppe nach Erkenntnissen der Ermittler zehn Menschen, neun davon ausländischer Herkunft. Mit Sprengstoffanschlägen sollen sie zudem Dutzende Menschen verletzt haben. In München läuft seit mehr als drei Jahren der Prozess gegen Zschäpe - als einziges noch lebendes Mitglied des sogenannten «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU).
  • Im Zuge der Aufklärung eines anderen Kindsmordes wird Böhnhardt 1993 vernommen, wie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow am Freitag sagt. Bei der Tat handelt es sich um die Ermordung eines neunjährigen Kindes in Jena.
  • An Kindersachen aus dem ausgebrannten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen ist keine DNA-Spur der toten Peggy - jedoch das Genmaterial eines anderen, bislang unbekannten Mädchens. Das Bundeskriminalamt untersuchte unter anderem eine Sandale aus dem Camper, wie BKA-Präsident Holger Münch am Freitag sagt.


WAS WIR NICHT WISSEN:

  • Zwar wurden DNA-Spuren Böhnhardts am Fundort der sterblichen Überreste von Peggy gefunden - wie sie dorthin gelangten, ist aber weiter unklar. Ob die gefundene Spur möglicherweise in Verbindung mit dem Tod von Peggy steht, muss noch geklärt werden. Die Untersuchungen stehen noch ganz am Anfang.
  • Zwar wurden im vergangenen Mai Knochen gefunden, die die Ermittler Peggy zuordnen - das Skelett sei aber nicht vollständig. Weitere Knochenreste wurden bislang nicht gefunden. «Dies lässt sich mit dem Lebensraum und den Gewohnheiten von Waldtieren erklären», sagte der Leiter der Sonderkommission Peggy, Uwe Ebner, im vergangenen Juli. Die Ermittler suchten aber dennoch weiter nach Knochen. Außerdem fehlten Kleidungsstücke und der Schulranzen des Mädchens.
  • Wie sich die neuen Erkenntnisse auf den NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgerichts in München auswirken, ist noch unklar. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin am Freitag geht der Prozess zunächst «ganz normal» weiter. Sie verwies aber darauf, dass Nebenklage-Anwälte bereits Beweisanträge angekündigt hätten. Diese werde das Gericht dann prüfen und darüber entscheiden müssen.
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