Finanzkapitalismus: Europa vor sich selbst retten

Zum Thema Griechenland:

Bei aller Aufregung unserer Europapolitiker über die undankbaren Griechen, die es mit ihrem Nein doch tatsächlich gewagt haben, die barmherzig ausgestreckte Hand der Institutionen zurückzuweisen, lohnt es sich doch, einmal innezuhalten und in Ruhe nachzudenken.

Erstens: Es war keineswegs unabänderliches Naturgesetz, Griechenland in den Euro aufzunehmen. Hätte man damals etwas genauer hingesehen, hätte es auffallen müssen, dass das Land keineswegs reif für einen Beitritt in den Euro-Raum war. Aber persönliche Eitelkeiten und falscher Ehrgeiz aller beteiligten Politiker und Institutionen haben offenbar einen genaueren Blick verhindert. Zweitens: Selbst einem mathematischen Anfänger dürfte es klar sein, dass Griechenland die vielen Schulden, die es aufgehäuft hat - und seien wir mal ehrlich, das Geld wurde ihnen gerne nachgeschmissen, da es ja eigentlich galt, unseren Finanzkapitalismus zu retten - niemals, weder mit einem Ja noch mit einem Nein, wird zurückzahlen können. Warum dann nicht gleich ein radikaler Schuldenschnitt, anstatt in das unten offene Fass weiter Geld hinein zu schütten?

Drittens: Mir drängt sich der Verdacht auf, dass es gar nicht um Griechenland selbst, sondern um die Zukunft unseres neoliberalen, menschenverachtenden, finanzkapitalistischen Systems geht, bei dessen Rettung dessen Repräsentanten in Person des IWF, der EZB und der Regierungen den kleinen Griechen ungerührt über die Klinge springen lassen würden, da ja das große Kapital und die Banken systemrelevant und damit unbedingt zu schonen sind. Wie anders wären sonst die Reaktionen unserer versammelten politischen Akteure zu verstehen, die sich wie verbitterte alte Männer gerieren, die nicht einsehen wollen, dass ihre Zeit vorbei ist und die Zukunft anderen gehört. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Europa von den Griechen vor sich selbst gerettet werden muss.

Dr. Thomas Bäumler 92665 Neustadt
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