Flüchtlinge mit anpacken lassen
Briefe an die Redaktion

Zur Flüchtlingshilfe durch Ehrenamtliche:

Ich bin ehrenamtlich für das Netzwerk Asyl in der Flüchtlingshilfe in Weiden und im Landkreis Neustadt tätig. Unter anderem organisieren wir auch die Kleiderkammer in der Mehrzweckhalle und haben bis dato immer die Vorbereitung für die Neuankunft von Flüchtlingen (Packen von Eimern zur Erstversorgung: Duschgel, Zahnbürsten ...) übernommen.

Aufgrund der Tatsache, dass sich die Anzahl der Flüchtlinge in der Mehrzweckhalle mindestens verdoppelt hat und der Zeitrahmen für die Ehrenamtlichen ohnehin schon sehr angespannt ist, haben sich mehrere Ehrenamtliche des Netzwerks Asyl mit den verantwortlichen Einsatzleitern der Mehrzweckhalle getroffen. Wir sehen die Gefahr, dass den Ehrenamtlichen (die meisten davon arbeiten Vollzeit) aufgrund des hohen Belastungsszenarios auf Dauer "die Luft ausgeht" und haben, um dies zu vermeiden, der Einsatzleitung ein Konzept zur Entlastung vorgelegt.

Dieses Konzept beinhaltet allerdings das Einbeziehen der Flüchtlinge, die sich schon in der Mehrzweckhalle befinden. Immer wieder bitten uns die Asylsuchenden, doch mithelfen zu dürfen. Umso erstaunter waren wir, als dieser Vorschlag vom Tisch gewischt wurde. Begründung: Verantwortliche der Stadt Weiden hätten der Einsatzleitung strengstens untersagt, Flüchtlinge, in welcher Form auch immer, mit anpacken zu lassen.

Aus hygienischen Gründen sei es zum Beispiel untersagt, dass Flüchtlinge die Eimer packen, den Müll hinaustragen, beim Entladen der Lieferwägen helfen oder mal einen Putzlappen in die Hand nehmen. Schließlich könne ja bei der Anzahl an "gefährlichen Aufgaben" etwas passieren. Was den Flüchtling, mal angenommen, er stürzt, bestimmt augenblicklich dazu bewegen würde, einen Anwalt aufzusuchen und die Verantwortlichen der Stadt zu verklagen. Die "Bewohner" schlafen allerdings Feldbett an Feldbett, nutzen die selben sanitären Anlagen, essen im selben Raum. Hygienische Gründe? Dass ich nicht lache! Es gibt in Deutschland anscheinend ein Gesetz, das die Mithilfe jeder Art durch Flüchtlinge untersagt.

Wenn die Verantwortlichen der Stadt nicht aufhören, auf Paragrafen herumzureiten, dann werden wir die Aufgabe der menschenwürdigen Unterbringung und der sinnvollen Flüchtlingshilfe nicht bewältigen können. Es gibt Hunderte von Beispielen aus anderen Kommunen, die sehr wohl die Flüchtlinge bei der Essensausgabe, der Kleiderausgabe oder sonstigen Aufgaben involvieren. Die tun es mit Freude und entlasten damit nicht nur das bezahlte Personal, sondern auch die ehrenamtlichen Helfer, die vielfach ohnehin schon am Limit sind, und fördern nebenbei noch die Integration.

Eine Krankheit! Ja, eine Krankheit könnte ein Flüchtling, der Eimer packt (mit Einweghandschuhen und Mundschutz) haben, das ist richtig. Wer aber sagt denn, dass der ehrenamtliche Helfer, der die Eimer packt, nicht an einer Krankheit leidet? Ich musste jedenfalls kein Gesundheitszeugnis vorlegen. Dieses ist, am Rande bemerkt, auch schon 25 Jahre alt. Ich gebe auch zu bedenken, dass so viel Kleingeist der Nährboden für Stammtischparolen ist wie: "Die sind doch alle zu faul, einen Finger krumm zu machen." Aus mittlerweile langer Erfahrung kann ich versichern, dass viele Flüchtlinge mit riesigem Elan bei allen Aktionen, die wir ehrenamtlich irgendwo veranstalten, mithelfen und um jede Aufgabe dankbar sind.

Ich rufe die Verantwortlichen der Stadt dazu auf: Sprechen Sie sich ab mit den Leuten, die Erfahrung in der Flüchtlingshilfe haben, und hören Sie auf, auf sinnlosen Paragrafen herumzureiten. Sonst werden wir der Aufgabe auf Dauer nicht gewachsen sein. Ich hoffe, alle Verantwortlichen sind sich darüber im Klaren, dass Deutschland ohne das Engagement der ehrenamtlichen Helfer längst im Chaos versunken wäre.

Sandra MaschkeNeustadt WN

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