Forscher nehmen Werke für den Sozialkunde-, Geschichts- und Geografieunterricht unter die Lupe
Schulbücher (k)ein Platz für Klischees

"Das Wir gewinnt", so lautet die Überschrift eines aktuellen Politikbuch-Kapitels aus dem Ernst-Klett-Verlag. Sein Verlagsleiter Ilas Körner-Wellershaus will das auch in der Politik beliebte Motto gern auf die grundsätzliche Ausrichtung seiner Branche in punkto Integration von Zuwanderern übertragen. Doch im Alltag stößt der gute Wille der Schulbuch-Macher gelegentlich an Grenzen.

So führte eine Erstklässler-Übung zum Buchstaben "Ü" mit Verweis auf die Benutzung im türkischen Wort "Otobüs" zu kritischen Fragen. Klett erhielt E-Mails, "was uns eigentlich dazu getrieben habe, die Islamisierung durch die türkische Sprache von Kindern in Deutschland voranzutreiben", erzählt Körner-Wellershaus.

Ein Extremfall, der aber auch die Probleme der deutschen Schulbuchverlage in einer zunehmend multikulturell geprägten Gesellschaft verdeutlicht.

Denn grundsätzlich sind Klett, Cornelsen, Westermann und Co. gehalten und auch bemüht, die besondere Situation von Zuwanderern sensibel, ausgewogen und ohne jeden Hauch von Diskriminierung darzustellen. Das gelingt ihnen jedoch nicht immer, wie die neue Schulbuchstudie "Migration und Integration" herausarbeitet.

Konflikte und Krisen

Migration werde in den 65 unter die Lupe genommenen Sozialkunde-, Geschichts- und Geografie-Büchern häufig "primär als konfliktträchtig und krisenhaft dargestellt", so fasst das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung die Erkenntnisse zusammen. Zuwanderung und Vielfalt seien in den analysierten Texten noch zu oft ein Problem - statt der Normalfall.

Integration fast um jeden Preis wird laut Studie in Schulbüchern oft als notwendig definiert. Von Zuwanderern werde also zunächst "eine Anpassungsleistung an die deutsche Gesellschaft gefordert". Begriffe wie "Ausländer", "Fremde" oder "Migranten" kämen teilweise synonym im selben Text vor.

Auch werden Metaphern wie "Schwemme", "Flut" oder "Strom" im Zusammenhang mit Flüchtlingen weiterhin benutzt. Hier und da habe man in Schulbüchern gar "das sogenannte N-Wort" für farbige Menschen gefunden, sagt die Koordinatorin der Studie, Inga Niehaus - nur in Karikaturen zwar, aber eben doch unreflektiert und nicht hinterfragt.

Die Direktorin des Georg-Eckert-Instituts, Simone Lässig, versteht ihre Studie indes nicht als Schulbuch-Schelte. "Uns ist sehr bewusst, dass das Schreiben, das Konzipieren von Schulbüchern eine sehr schwierige Aufgabe ist." Peter Schell von der Westermann-Gruppe hält seiner Branche sogar zugute, man sei "als Anbieter von Bildungsmedien schon sehr sehr weit vorne". Und Anja Hagen vom Cornelsen-Verlag bittet um Geduld: Man brauche eben auch Zeit, um neue Begriffe wie "Willkommenskultur" in Schulbüchern adäquat abzubilden.

Durchaus positiv

Für die Integrationsbeauftragte der Regierung, Aydan Özoguz, hält die breit angelegte Schulbuch-Untersuchung in fünf Bundesländern eine durchaus positive Botschaft bereit: "Ein ermutigendes Ergebnis der Studie ist, dass in den Sozialkundebüchern Deutschland explizit als Einwanderungsland (...) beschrieben wird."

Gleichwohl hätten die nun herausgefundenen Klischees über Zuwanderer angesichts eines Drittels Schüler mit Migrationshintergrund hierzulande - davon über 80 Prozent Deutsche - in Schulbüchern natürlich nichts verloren.
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