Freundschaftliche Atmosphäre rund ums EM-Halbfinale
Mehr als nur Fußball

Frustriert harren die deutschen Fans in Marseille aus. Gefeiert wurde trotz der Niederlage - friedlich und emotional. Bild: dpa

Stade Vélodrome in Marseille. Donnerstagabend. EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Gastgeber Frankreich: 20 Minuten vor dem Anpfiff wird es mucksmäuchenstill. 64 000 Zuschauer recken ihre Arme nach oben. Die meisten ganz in Blau, aber etwa 15 000 Fans auch im weißen Deutschland-Jersey. Sie klatschen gleichzeitig. Und brüllen: Huh!

Marseille. Das Ritual, das die Isländer so beliebt gemacht hat, als sie ihre Überraschungserfolge mit ihren Anhängern feierten, macht Schule. Es berührt fast mehr als die inbrünstig von 45 000 Kehlen geschmetterte Marseillaise. Am Donnerstag aber steht es sinnbildlich für ein Fest, das an das Sommermärchen 2006 erinnert. Blau, weiß, rot dominiert an diesem brütend heißen Sommertag.

Das Thermometer steigt auf knapp 40 Grad. Aber die Farben halten: als Mini-Tricolore auf den Backen oder in Großformat über das ganze Gesicht verteilt. Schwarz, rot, gold steht dem in nichts nach. Viele Fans tragen sogar beide Flaggen auf den Backen. Manche färben sich die Haare in den Landesfarben. Andere kommen in dreifarbiger Ganzkörperverkleidung - witterungsbedingt nicht unbedingt erforderlich. Immer wieder posieren deutsche und französische Fans gemeinsam zum Selfie.

Etwa in der EM-Fanzone, die französisch-gemütlich erst gegen 12 Uhr mittags ihre Tore öffnet. Derweil hat der erste Deutsche schon einen Sonnenbrand. Die zentrale Anlaufstelle für Fans aller Couleur liegt direkt am Meer. Rechts sonnenbadende Gäste und Einheimische, Handtuch an Handtuch. Und der Fan weiß sich zu helfen, falls er eine Abkühlung im Mittelmeer während des EM-Trips nicht auf dem Schirm hatte: Da wird schnell die überdimensionale Deutschland-Fahne zur Unterlage umfunktioniert. Die Ruhrpottler kommen mit ihrer schwarz-rot-goldenen Liegewiese gut an. Schnell gesellen sich zwei durstige Französinnen hinzu. Da hilft der liebe Nachbar doch gern.

Sieben Euro für ein Bier


Der Nachwuchs vergnügt sich einstweilen nebenan in der Fanzone. Lebendkicker, Foot-Snooker, Bubble-Football, Elfmetersimulator, sich per Fotomontage aufs Mannschaftsbild der Equipe Tricolore schummeln oder mit Pfeil und Bogen an der Zielgenauigkeit arbeiten: Das Angebot beim Fantreff lässt kaum Kinderwünsche offen - oder belustigt junggebliebene Erwachsene. Einziger Negativpunkt der Fanzone: Die eigene Währung (ein "Token" ist zwei Euro wert) ist unnötig wie ein Kropf und sorgt für etwas Unmut ob des zusätzlichen Aufwands. Vielleicht will die Uefa so verschleiern, dass ein hopfenhaltiges Kaltgetränk schlappe sieben Euro kostet. Aber auch hier keine Spur von Nachbarschaftsrivalität. Da nehmen sich französische Volunteers der deutschen Kinder an und fordern eine Kombi heraus, die ebenfalls aus weißen und blauen Trikots besteht.

Am Nachmittag rückt der Plage du Prado in den Mittelpunkt. Ab dem Platz zwischen Fanzone und Stadion soll sich ein deutsch-französischer Fanwalk in Gang setzen. So verkündet es der offizielle Fanclub der deutschen Nationalmannschaft. Ganz so verzahnt gestaltet sich der Marsch dann doch nicht. Nicht etwa weil Sicherheitsbedenken vorherrschen. Die französischen Behörden hatten für die Fans unterschiedliche logistische Pläne. Die Anhänger der Löw-Elf und die des Gastgebers waren größtenteils auf gegenüberliegenden Tribünen platziert und sollten daher das Stade Vélodrome auch aus unterschiedlichen Richtungen anlaufen. Sicherheitsbedenken wären bei so viel Harmonie auch Fehl am Platz gewesen.

A propos Sicherheit: Im Vorfeld der EM war häufig die Rede von der Terrorgefahr, die ein ähnlich euphorisierendes Fest nach dem 2006er-Vorbild unmöglich mache. Davon kann keine Rede sein. Zwar ist das Militär allgegenwärtig, besonders am Flughafen, in der Metro oder im Stadionvorfeld, aber sowohl Deutsche als auch Franzosen sehen das Maschinengewehr im Anschlag weniger als einschüchternd denn erforderlich an. Die Nachbarn zeigen sich sensibilisiert. Die Bilder aus Paris vom November 2015 sind Gast wie Gastgeber omnipräsent.

"Auf Wiedersehen"


Während der Partie gibt es im Stadion natürlich Frotzeleien und die Gastgeber präsentieren nach dem 2:0 durch Antoine Griezmann ungeahnte Deutschkenntnisse: "Deutschland fährt nach Hause" und "Auf Wiedersehen" brüllen mehrere zehntausend Kehlen. Nach dem Schlusspfiff aber klatschen die Franzosen fast schon entschuldigend die unterlegenen Fans ab. So viel Harmonie allerorten. Deutschland ist raus bei der Europameisterschaft, aber es sind der freundschaftliche Umgang sowie ein bisher unbekanntes Ausmaß nachbarschaftlicher Verbundenheit, die länger in Erinnerung bleiben werden.

Die Isländer meldeten sich übrigens auch noch zu Wort: Via Twitter ließen sie ausrichten, dass sich die Franzosen gefälligst ihr eigenes Ritual zum Feiern von Siegen ausdenken sollen. Der Vulkan brodelt!
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