Für einen Dialog der Religionen

Zur Debatte um den Islam merkt ein Leser an:

Eigentlich ist die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, genauso sinnlos, wie die Frage ob die vormals aus Südamerika eingeführte Kartoffel zu Deutschland gehört. Wir haben über Jahrzehnte Menschen mit islamischem Glauben als Arbeitskräfte zu uns geholt. Sie sind inzwischen fester Bestandteil unserer Gesellschaft, und als vernünftige Konsequenz daraus gibt es inzwischen Islamunterricht und an Hochschulen Islam als Studienfach. An vielen Orten auch Gebetsstätten und in großen Städten Moscheen.

Genau betrachtet brauchen wir deshalb nicht einmal mehr in islamisch geprägte Länder zu reisen, um schöne Moscheen zu bestaunen und gläubigen Muslimen zu begegnen, denn wir haben in manchen Städten ganze Straßen und Viertel türkisch-islamisch geprägt vor der Haustür. Sie pflegen ihre Kultur so, wie es auch Deutsche im Ausland tun. So konnte man vor Jahrzehnten schon in Lomé von Togolesen in bayerischer Tracht mit oberbayerischem Akzent bedient werden und deutsche Volkslieder hören. Und wer heute in der Türkei seinen Urlaub verbringt, kann Ähnliches erleben.

Viele im islamischen Kulturkreis Geborene praktizieren ihren Glauben nicht mehr und fühlen sich durch Islamisten, die ihre Religion für den Terror missbrauchen, diskriminiert. Wie die Auflösung von Pegida zeigt, dient der Islam für viele Bürger derzeit lediglich als Projektionsfläche für persönliche Probleme, diffuse Ängste und fremdenfeindlich-rassistische Parolen.

"Den Islam" gibt es nicht. Es gibt viele Richtungen und Ausdrucksformen: Sunniten, Schiiten, Aleviten, Wahhabiten, Muslimbrüder, Salafisten. In Nigeria, Pakistan, Irak und Syrien sterben täglich viele Muslime durch islamische Gewalt. Bei uns wird kaum jemand ernsthaft fundamentalistische, sektenähnliche Gruppen wie die Marienkinder, Werk Gottes, Piusbrüder und Opus Dei auf katholischer oder Zwölf Stämme, Anskar-Kirche und den Evangelischen Brüderverein auf protestantischer Seite zu Deutschland zählen. Auch wir Christen haben Tausende von Orden und Religionsgemeinschaften. Und ob Katholiken und Protestanten in Irland für immer friedlich zusammenleben wollen, steht immer noch nicht endgültig fest.

Judentum, Christentum und der Islam haben Abraham als Vater, und wir sollten aufhören, immer nur die Unterschiede zu betonen, sondern uns dem interreligiösen Dialog zuwenden, den Küng mit "Weltethos" Tübingen seit Jahrzehnten pflegt. Denn angesichts der zunehmenden Spannungen fragen berechtigterweise sich immer mehr Menschen, wofür Religionen dieser rechthaberischen Art überhaupt noch gut sein sollen.

Karl Weis, 71088 Holzgerlingen
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