Gängelung durch Krankenkassen: Freude am Beruf verdorben

Bürokratische Vorgaben in der Physiotherapie:

Es vergeht kaum ein Monat, wo Krankenkassen wegen irgendwelcher Formfehler auf den Rezepten eine ordnungsgemäß erbrachte Behandlungsserie nicht bezahlen. Seit Einführung des neuen Heilmittel-Kataloges 2004 hat der bürokratische Aufwand dermaßen zugenommen, dass es allmählich unzumutbar wird.

Wir sind ständig auf Achse, um Rezepte korrigieren zu lassen: Mal ist ein Kleinbuchstabe nicht richtig, mal fehlt ein Kreuzchen, mal ist die Behandlungsfrequenz wegen Weihnachten, Ostern oder Erkrankung eines Mitarbeiters nicht eingehalten. Rezepte müssen oft kopiert und ge-faxt werden, weil die verordnenden Ärzte nicht vor Ort sind.

Solche Absetzungen liegen nicht immer im dreistelligen Euro-Bereich. Deshalb verzichten viele Therapeuten lieber auf eine Reklamation, weil sie zeitaufwendig ist und schriftlich ausgeführt werden muss. Und das wissen die Krankenkassen ganz genau. Aber wie heißt es so schön: "Kleinvieh macht auch Mist." In Zahlen ausgedrückt: Von Januar bis August 2013 gab es 130 000 Absetzungen mit einem Gesamtumsatz von 9,5 Millionen Euro. Davon sind ohne eine Möglichkeit der Korrektur 49 000 Rezepte mit einem Umsatz von etwa 3 Millionen Euro betroffen.

Sieht so eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen und Physiotherapeuten aus? Die Patienten bekommen davon kaum etwas mit, denn man will keine Kunden verlieren. Aber diese ausufernde Bürokratie verdirbt einem manchmal die Freude am Beruf. Dabei machen wir sowieso schon viele Tätigkeiten unentgeltlich. Wer zahlt uns einen ausführlichen Therapiebericht? Wer zahlt Quittungen, Bestätigungen, wer zahlt umfangreiche Dokumentationen? Das ist alles im Preis inbegriffen.

Wer kann heute noch einen angestellten Therapeuten in freier Praxis entsprechend seinen Qualifikationen bezahlen, wenn wir immer mehr in den Niedriglohnsektor abrutschen?

Luitgard Müller, 95666 Mitterteich Physiotherapeutin

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