Gebürtige Oberpfälzerinnen über die US-Wahl
Zwei Kreuzchen für Clinton

Silvia Hodges-Silverstein (links) und Gerti Schön stammen beide aus der Oberpfalz, leben aber schon seit Jahren in Amerika. Am Dienstag dürfen beide wählen. Bilder: hfz
 
Donald Trump in Selma, North Carolina. Bild: dqa

Für Gerti Schön ist Donald Trump ein "gefährlicher Demagoge". Silvia Hodges-Silverstein nennt ihn "eine Bedrohung für die Demokratie". Um zu verhindern, dass er Präsident wird, wählen die zwei gebürtigen Oberpfälzerinnen am Dienstag Hillary Clinton.

Weiden/New York. Drittes Rede-Duell: In einer New Yorker Kneipe verfolgen drei Dutzend Männer und Frauen vor vier Fernsehern die Aussagen der Präsidentschaftskandidaten. Als Hillary Clinton spricht, wirft Donald Trump ein: "Such a nasty woman" (zu Deutsch in etwa: "So eine böse Frau"). Die Gäste raunen.

Kein Wunder, dass Silvia Hodges-Silverstein sagt: "Die Wahl fühlt sich irreal an. Wie eine schlechte Realityshow." Die 46-Jährige wuchs in Weiden auf und machte in der Oberpfalz ihr Abitur. Seit 1999 ist sie in Amerika, wo sie schon einige Wahlkämpfe miterlebte. Aber noch nie habe es zwei so polarisierende Kandidaten gegeben: "Sexuelle Belästigungen, Rassismus, demagogisches Aufwiegeln der Massen und persönliche Beleidigungen von einem Kandidaten; gehackte E-Mails und skrupellose Manipulation bei der anderen Kandidatin." Trumps Ankündigung, eine Wahlniederlage eventuell nicht anzuerkennen, sei für die Geschäftsführerin eines Industrieverbandes der Tiefpunkt des Wahlkampfs gewesen.

Gegen politische Dynastien


Auch Gerti Schön (51) lässt kein gutes Haar an Trump. Für sie ist er ein "gefährlicher Demagoge". 1998 kam Schön als freie Journalistin nach New York. Seit acht Jahren arbeitet die gebürtige Schönfichterin (Landkreis Tirschenreuth) als Psychotherapeuthin. Der Wahlkampf spielt sogar in ihrer Praxis eine Rolle. "Bei einigen meiner Klientinnen lösen die frauenfeindlichen Kommentare von Donald Trump Erinnerungen an vergangene sexuelle Traumata aus." Einer jungen Frau sei bewusst geworden, wie vorschnell viele Mädchen dazu neigen, sexuelle Annäherungen zuzulassen, um einem Schwarm zu gefallen.

Hodges-Silversteins sagt über Trump: "Er ist eine Bedrohung für die Demokratie in den USA. Er ist nicht nur skrupellos, brutal und machtgeil. Er ist voller Hass und peitscht die Massen auf." Ihre Stimme wollte die 46-Jährige ursprünglich aber auch nicht Hillary Clinton geben. Als die Affären ihres Mannes in den 90er Jahren bekannt wurden, habe sie nicht nachvollziehen können, dass sie bei ihm blieb. Außerdem sei sie dagegen, politische Dynastien zu unterstützen. "Schlimm genug, dass wir zwei Bush-Präsidenten hatten. Jetzt nicht auch noch zwei Clintons." Aber für wen soll sie sonst stimmen? Auch Gary Johnson kommt für sie nicht in Frage: zu extreme Standpunkte. "Und als er in einem Fernsehinterview nicht wusste, was Aleppo ist, da war er für mich erledigt." Deshalb setzt die 46-Jährige ihr Kreuz am Dienstag bei Clinton.

Genauso wie Schön. "Mag sein, dass sie etwas unpersönlich daher kommt, was ihr vielerorts vorgeworfen wird. Aber das kann ja nicht das Hauptkriterium sein, wenn es um Weltpolitik geht." Viele Amerikaner würden einen Kandidaten wählen, weil er besonders aufregend oder unterhaltsam sei - "eine fatale Entwicklung". Ohnehin sei der Wahlkampf "extrem polarisierend und emotional". Für Schön ist es erstaunlich und schockierend, wie viele Freundschaften wegen der Wahl in die Brüche gehen. "Auch ich habe eine Facebook-Freundin blockiert, die ständig Anti-Hillary-Propaganda veröffentlichte. Es ist mir bewusst geworden, dass ich im Fall Donald Trump eine Grenze ziehen muss."

Auch Hodges-Silverstein nimmt eine Erkenntnis aus dem Wahlkampf mit: "Demokratie ist ein leicht verletzliches Gut." Früher habe sie ihre Großeltern gefragt, wie es zur Nazizeit habe kommen können. Als Schülerin konnte sie das nicht nachvollziehen. "Ich verstehe es nun leider besser. Man fühlt sich hilflos, muss zusehen, wie die Lawine auf einen zurollt." Man sei vor Schreck gelähmt und fühle sich nicht in der Lage, etwas zu ändern.

Ein Dollar gegen Trump


Ein Bettler persiflierte die Befürchtung, Trump könnte tatsächlich Präsident werden. Der Obdachlose zog mit einem Pappschild zum Times Square in Manhattan. Die Aufschrift: "Gib mir 1 Dollar oder ich stimme für Trump." Eine humorvolle Auseinandersetzung mit dem Wahlkampf. Aber auch ein Satz, der mit den Ängsten vieler Wähler spielt.

Er ist nicht nur skrupellos, brutal und machtgeil. Er ist voller Hass und peitscht die Massen auf.Silvia Hodges-Silverstein über Donald Trump


US-Wahlkampf: SchlussspurtNur noch zwei Tage bis zur Präsidentenwahl: Mit einer Serie von Kundgebungen in besonders umkämpften Bundesstaaten wollen Hillary Clinton und Donald Trump die entscheidenden Stimmen für ihren Sieg am 8. November zusammenbekommen.

Vor allem der Republikaner Trump spurtet durch die USA: Bis zum Wahltag will er zehn Staaten besuchen, allein für Sonntag standen Auftritte in Iowa, Minnesota, Wisconsin, Michigan, Pennsylvania und Virginia auf dem Programm.

Die Demokratin Clinton tritt etwas kürzer: Sie hatte für Sonntag Kundgebungen in New Hampshire und Ohio geplant. Am Montag wird sie nach Stopps in North Carolina und Michigan zum Finale in Pennsylvania zusammen mit Obama und First Lady Michelle sowie mit ihrem Ehemann Bill Clinton und ihrer Tochter Chelsea auftreten.

Trumps hektisches Schlussprogramm spiegelt seine Ausgangslage kurz vor der Wahl wider. US-weit hat sich die Schere zunächst weiter verengt. Auch der Sender CNN sah Clinton am Sonntag durchschnittlich nur noch drei Punkte vor Trump, während es am Samstag noch vier waren. Nach der jüngsten Erhebung aber soll Clinton wieder mit einem Fünf-Punkte-Vorsprung in das Wahlkampf-Finale gehen.

Und was das Wahlmännergremium betrifft, das am Ende entsprechend den Ergebnissen in den einzelnen Bundesstaaten den Präsidenten bestimmt, ist Clinton laut Umfragen weiterhin deutlich im Vorteil. Da nicht klar ist, in welchem Staat Trump ihr einen Sieg abringen kann, wirbt er schlicht in möglichst vielen. (dpa)
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