Gewaltige Erziehung
Strafen und Schläge für Kinder keine Seltenheit

Berlin. Einen Klaps oder eine schallende Ohrfeige - für die meisten Deutschen ist Gewalt in der Kindererziehung tabu. Trotzdem werden immer noch viele Kinder misshandelt: Die Akzeptanz eines "Klapses auf den Po" sank von 76,2 Prozent im Jahr 2005 auf aktuell 44,6 Prozent, wie der Ulmer Experte für Kindeswohlgefährdung, Jörg M. Fegert, am Freitag mitteilte. Eine leichte Ohrfeige finden 17 Prozent angebracht, elf Jahre zuvor waren es 53,7 Prozent. Eine Tracht Prügel mit Blutergüssen hielten damals 1,9 Prozent für richtig, heute sind es 0,1 Prozent.

Allerdings seien Fälle, in denen schwere Kindesmisshandlungen aktenkundig werden, im Vergleich dazu nur wenig zurückgegangen, sagte Fegert. "Elf Kinder werden jeden Tag so schwer körperlich oder seelisch misshandelt, dass diese Fälle in der Kriminalstatistik auftauchen", informierte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach. Laut Bundeskriminalamt wurden 2015 mehr als 3900 Kinder körperlich misshandelt, 130 getötet und 14 000 Opfer von sexueller Gewalt.

"Wir erreichen durch Prävention eher die Gutwilligen", sagte Fegert. Infolge der Festschreibung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung 2002 habe in weiten Teilen der Gesellschaft ein Umdenken eingesetzt. "Aber im Kernbereich, in dem es Familien sehr schlecht geht, etwas zu erreichen, ist es viel schwieriger."

Fischbach forderte die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz und einen Kinderbeauftragten für den Bundestag. Kinderärzte müssten ihre Sensibilität für Zeichen von Misshandlungen stärken und bräuchten bei Jugendamt oder Verwaltung zentrale Ansprechpartner. Fischbach begrüßte, dass die Mediziner in klaren Fällen bereits von ihrer Schweigepflicht entbunden seien. In unklaren Fällen dürften sie mit dem Jugendamt aber nur anonymisiert über das Vorgehen beraten. Informationen vom Jugendamt bekämen die Ärzte ihrerseits zu wenig.
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