Großes Panorama auf der Kleinen Scheidegg

Am Fuß von Eiger, Mönch und Jungfrau liegt das historische Hotel "Bellevue des Alpes". Die Zeit scheint hier vor 100 Jahren stehen geblieben zu sein. Ein Erlebnis ist der Besuch auf der Kleinen Scheidegg vor allem im Winter.

Dunkel ist es auf der Kleinen Scheidegg, wenn der letzte Zug ins Tal gefahren ist. Nur noch ein paar Menschen bleiben in 2064 Metern Höhe auf dem Pass am Fuß von Eiger, Mönch und Jungfrau: die Gäste und die Angestellten des Hotels "Bellevue des Alpes". Und die Eigentümer, die Familie von Almen.

Nach draußen verirrt sich kaum noch jemand, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und die Winternacht hereinbricht. Denn der Wind pfeift hier oben, es ist kalt, bis ins Frühjahr hinein. Drinnen herrscht dann ein ganz besonderes Ambiente - denn die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in dem früheren Grand Hotel.

Bereits 1840 gab es ein erstes Hotel an dieser Stelle, denn immer mehr Bergwanderer bestiegen die Kleine Scheidegg. Aus einer Alphütte mit Sommerwirtschaft wurde schließlich das Hotel "Bellevue". "Ein wichtiges Ereignis war die Eröffnung der Wengernalpbahn im 1893", erzählt Andreas von Almen, der das Haus in fünfter Generation führt.

Auch eine weitere Unterkunft wurde gebaut, das "Hotel des Alpes" - direkt nebenan. Das sollte jedoch nicht das Ende fürs "Bellevue" gewesen sein: Der damalige Besitzer pachtete den Konkurrenzbetrieb und kaufte ihn schließlich. "Mit der Veranda und dem großen Speisesaal wurden die beiden Häuser baulich verbunden", sagt von Almen. Das war 1929. Seither gab es keine großen baulichen Veränderungen mehr.

Höchster Bahnhof Europas

Das größte Ereignis war aber die Eröffnung der Jungfraubahn am 1. August 1912. Die Bahn fährt seitdem zum höchsten Bahnhof Europas: auf das Jungfraujoch in 3454 Metern. "Zu ihrer Eröffnung galt die Bahn als Wunderwerk der Technik, denn sie wurde von Anfang an mit Elektrizität betrieben", sagt Bergführer Josef Erni, der den Besuchern fast alles über die wechselvolle Geschichte des Berges im Berner Oberland erzählen kann.

"Der Textilfabrikant Adolf Guyer-Zeller hatte die Idee, diese Bahn zu bauen", erzählt Erni. 15 Millionen Schweizer Franken sollte das kosten und 16 Jahre dauern, bis die Linie schließlich in Betrieb genommen wurde - der Planer selbst erlebte den Tag nicht mehr. Ganz so dramatisch ging es im "Bellevue des Alpes" nicht zu. Aber die großen Bergsteiger des 20. Jahrhunderts quartierten sich hier ein, die meisten, um die Eiger-Nordwand zu bezwingen, die man heute bequem aus dem Fenster anschauen kann. Auch die Prominenz aus Film, Gesellschaft und Sport gab sich hier eine Zeit lang die Klinke in die Hand. Und noch heute weht der berühmte Hauch der Geschichte durch die Hallen, die Treppen knarren und die Zimmer sind so übersichtlich, wie sie auch damals schon waren.

Atemberaubendes Panorama

Einen Wellness-Bereich sucht man vergeblich, die Verbindung nach außen beschränkt sich auf ein Telefon mit Wählscheibe und wenige Minuten Internetverbindung am Tag. Aber mehr braucht es auch nicht auf der Kleinen Scheidegg. Das Panorama raubt nicht nur den Japanern den Atem, die während einer Europa-Reise auch zum Pass hinauffahren. Und es ist ein schönes Gefühl, bei vollständiger Stille die Fenster zu öffnen, wenn draußen der Wind durch die eiskalte Nacht pfeift, und sich dann unter die dicke Federdecke zu kuscheln.
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