Hände weg vom Lenkrad

Bereits in etwa fünf Jahren sollen sich Autofahrer von ihrem Wagen chauffieren lassen können. In Kalifornien laufen bereits erste Tests. Bild: Daimler

Glaubt man Experten, trennen uns noch etwa fünf Jahre vom autonomen Fahren. In Kalifornien hat die Zukunft bereits begonnen. Eine Mitfahrt liefert Einblicke in die Mobilität von Morgen.

Auf dem Heimweg durch den dichten Feierabendverkehr könnte Jörg Hillebrand beruhigt andere Dinge tun als bremsen, lenken und Gas geben. Zum Beispiel Mails bearbeiten, Zeitung lesen oder einfach nur entspannen. Die S-Klasse findet ihren Weg alleine nach Hause. Und würde nicht der riesige Schriftzug "Intelligent Drive" die Flanke zieren, äußerlich sähe man der Luxuslimousine nicht an, wie schlau sie ist.

Hillebrand gehört zu einem kleinen Entwicklerteam, das in Sunnyvale in Kalifornien für Mercedes-Benz das autonome Fahren voranbringt. Dass es kommt, steht außer Frage. Wann es kommt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Professor Herbert Kohler, Forschungschef bei Daimler, sieht das selbstständig fahrende Auto "schon sehr bald". Vielleicht auch deshalb, weil kein anderer Autohersteller bei dieser Technologie derzeit weiter fortgeschritten unterwegs ist. Die autonome S-Klasse nutzt viele bereits vorhandene Sensoren und elektronische Assistenzsysteme, um sich die Straße mit anderen Verkehrsteilnehmern zu teilen. Dazu zählen der Stau- und Parkpilot und die City-Notbremsfunktion. Das Forschungsfahrzeug hat zusätzliche fünf Radarsensoren und zwei Kameras an Bord.

Damit ist der Wagen so autark, dass er weiß, was um ihn herum passiert. Zur Kontrolle lässt sich Hillebrand unter anderem vor jeder Ampel deren Farbe bestätigen. "Ein Serienfahrzeug wird dies später natürlich nicht machen", so der Entwicklungsingenieur.

Die etwa halbstündige Tour durch Sunnyvale schafft die Mercedes-Limousine ohne Probleme. Selbst der Blinkerhebel wird automatisch gesetzt. Nur einmal muss Hillebrand eingreifen, als ein anderes Auto plötzlich dicht vor uns einschert. Solche Situationen überfordern derzeit noch die Rechenleistung der Systeme. Ebenso die Kommunikation zwischen Passant und Fahrzeug. Der Blickkontakt, um vielleicht die Straße zu überqueren, funktioniert nicht mehr. Wie also signalisiert das Auto dem Menschen, dass er losschreiten kann? "Wir werden auch dafür eine Lösung entwickeln, denken Sie nur daran, das jedes Auto ein Gesicht hat", sagt Paolo Malabuyo, Elektronikexperte.

Außer Frage steht auch, dass autonomes Fahren erheblichen Einfluss auf das Design haben wird. Dies betrifft besonders den Innenraum. "Brauchen wir vielleicht nicht einmal mehr ein Lenkrad?", fragt sich Hartmut Sinkwitz, Interieur-Designchef bei Mercedes. Wie eine Fahrgastzelle im Jahre 2030 aussehen könnte, will der Stuttgarter Autobauer Anfang Januar auf der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas zeigen.

Drehbare Vordersitze

Durchsickern lässt Mercedes bereits einige Details, unter anderem um 180 Grad drehbare Vordersitze, ausfahrbare Tische und ein im Armaturenbrett versenkbares Lenkrad. "Raum und Ruhe werden der neue Luxus sein. Das Auto lässt sich als Rückzugsort ganz anders nutzen als heute", sagt Sinkwitz. "Es ist ein Raum für Freiheiten, um Dinge zu tun, für die man vorher beim Fahren keine Zeit und keine Möglichkeiten hatte - ganz einfach, weil man sich auf den Verkehr konzentrieren musste." (mid)
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