Hans-Dietrich Genscher prägte deutsche Geschichte
Halbsatz der Geschichte

 
Grüppchenbildung: Wolfgang Mischnick, Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (alle FDP, von links) sowie Helmut Schmidt, Herbert Wehner und Heinz Kühn (alle SPD) diskutieren am 12. Mai 1974 in Bonn. Archivbild: dpa

Der Mann konnte reden, reden, reden. Aber den wichtigsten Satz seines Lebens brachte Hans-Dietrich Genscher nicht richtig zu Ende. 30. September 1989, auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest ging im Jubel unter.

Berlin. Weiter ließen die 4500 DDR-Bürger, die auf das Botschaftsgelände geflohen waren, ihn nicht kommen. Genscher erlebte den wohl größten Triumph seiner 23-jährigen Regierungstätigkeit. Im Herbst 2014 war er nochmals an der Stelle, wo er seinen "glücklichsten Augenblick" (so Genscher selbst) erleben konnte: auf jenem Balkon in Prag.

Viel Material für Nachruf


Bei der Gelegenheit erlaubte er auch einen Einblick in seine Gedanken über den eigenen Nachruf. "Wenn der Akteur Genscher einmal die Augen schließt, wird so viel da sein. Da kann unendlich geschrieben werden." Unter den deutschen Spitzenpolitikern gehörte der FDP-Außenminister neben Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zu denen, die die Chancen für eine Wiedervereinigung durch den schleichenden Zerfall des kommunistischen Ostblocks erkannten und ergriffen. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen am 2. Dezember 1990 erlebte Genscher noch einen Triumph. Seine Liberalen, die häufig um den Einzug in die Parlamente zittern mussten, fuhren 11,0 Prozent ein. In Genschers Heimatland Sachsen-Anhalt waren es 19,7 Prozent. Für seine Heimatstadt Halle fiel sogar ein Direktmandat ab.

Nach vollzogener Einheit setzte sich Genscher - obwohl er schon zwei Herzinfarkte hinter sich hatte - mit aller Energie für die Ratifizierung des Zwei-plus-vier-Vertrages ein. Mit den am 15. März 1991 in Moskau ausgetauschten Ratifikationsurkunden erhielt Deutschland 46 Jahre nach Kriegsende seine Souveränität zurück. Im Mai 1992 trat der beliebte Politiker auf dem Höhepunkt seiner Erfolge und für viele überraschend aus der ersten Reihe ab.

Der Mann mit dem gelben Pullunder, hat als FDP-Vorsitzender (1974 bis 1985), als Innenminister (1969 bis 1974) und als Außenminister (1974 bis 1992) das Deutschland von heute mitgeprägt wie kaum ein anderer. Als Diplomatie-Chef war er rastlos. Spötter merkten an, dass er es bei seinen vielen Reisen zuwege bringe, sich im Luftraum selbst zu begegnen.

Schneller Aufstieg


Die steile Karriere Genschers begann in den 50er Jahren. Am 21. März 1927 in Reideburg/Saalkreis geboren, in Halle groß geworden, kam Genscher 1952 in die Bundesrepublik, wo er gleich in die FDP eintrat. FDP-Vorsitzender Thomas Dehler holte den jungen Mann 1956 als wissenschaftlichen Angestellten nach Bonn. 1965 zog er in den Bundestag ein, vier Jahre später war er schon Innenminister.

Die Wendigkeit, die Kritiker Genscher vorhielten, sicherte eine Jahrzehnte lange Regierungsbeteiligung der Liberalen. 1969 ließen sich Genscher und der FDP-Vorsitzende Walter Scheel bei knappen Mehrheiten auf das Wagnis der ersten sozial-liberalen Koalition ein. Im Innenressort profilierte sich Genscher mit Themen wie dem Ausbau des Bundeskriminalamtes. 1974 nach dem Rücktritt von Kanzler Willy Brandt (SPD) wechselte Genscher ins Außenamt und übernahm den Parteivorsitz.

1982 vollzog er eine neue Wende. Die Liberalen stürzten um den Preis des Parteiaustritts mehrerer Linksliberaler SPD-Kanzler Helmut Schmidt und halfen Helmut Kohl an die Macht. Im neuen schwarz-gelben Kabinett blieb Genscher Außenminister und Vizekanzler. Dort verfolgte er seine Politik der Aussöhnung mit dem Osten weiter. Auch nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik meldete sich der Ehrenvorsitzende der FDP immer wieder zu Wort.
Wenn der Akteur Genscher einmal die Augen schließt, wird so viel da sein. Da kann unendlich geschrieben werden.Hans-Dietrich Genscher 2014 auf dem Prager Balkon über den eigenen Nachruf
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