Herz und Charakter
Briefe an die Redaktion

Zur Unterbringung der Asylbewerber in der Dreifachturnhalle des Gymnasiums Neustadt/WN:

"Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden. Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt. Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen", lauten die obersten Bildungs- und Erziehungsziele, wie sie in der Bayerischen Verfassung festgelegt sind und wie ich sie selbst im Gymnasium Neustadt noch erfahren durfte.

Der Landkreis hat die vergangenen Wochen gezeigt, dass diese Werte auch in unserer Gesellschaft einen hohen Rang einnehmen. Seit der Notfallplan für die Flüchtlinge in Neustadt umgesetzt wurde und in der Dreifachturnhalle des Gymnasiums die ersten Asylsuchenden angekommen sind, läuft die Hilfsbereitschaft der Menschen auf Hochtouren. Die Feuerwehr hat 200 Betten aufgebaut, Bürger spenden Kleidung. Seit dieser Woche ist sogar ein von mir gestarteter Deutschkurs für die Flüchtlinge angelaufen, der mit großer Begeisterung sowohl von den Kindern als auch von den Erwachsenen angenommen wird. Die Mitarbeiter des Landratsamtes leisten, was sie können, um all das und noch viel mehr bestmöglichst und nach bestem Gewissen zu organisieren.

Alles scheint perfekt, wäre da nicht die Sorge um den Schulsport und den Basketballverein der DJK Neustadt. Bereits in dem Bericht vom 27. Juli im Neuen Tag vor Ankunft der Flüchtlinge sprach Oberstudiendirektor Dr. Anton Hochberger, Leiter einer Schule, die sich das Motto "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" auf die Fahne schreibt, davon, dass er für die nächsten sechs Wochen "mit dieser Lösung leben"(!) könne, nach den Ferien aber der Sportunterricht gewährleistet sein müsse. Und der Abteilungsleiter der DJK-Basketballer Willi Merkl, selbst Lehrer am Gymnasium, sieht voll Sorge auf die anstehende Basketballsaison.

Deshalb wird nun diskutiert, ob die Flüchtlingsunterkunft auf die Realschulturnhalle sowie weitere Turnhallen in Windischeschenbach und Eschenbach aufgeteilt werden soll. Das wäre nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die in den letzten Wochen dies alles aufgebaut haben, sondern würde auch die Organisation extrem erschweren und verteuern. Die Realschulturnhalle, die anfangs dafür vorgesehen war, die Flüchtlinge aufzunehmen, als man noch von einer Anzahl von 100 Personen ausginge, wäre schon mit dieser Menge überlastet gewesen. Mehr als 70 Menschen dort unterzubringen, wäre nicht zu verantworten.

Da scheint es fast wie Ironie, wenn man die Aussagen des Abteilungsleiters der Basketballer liest: "Mit der Verteilung auf mehrere, bis zu 30 Kilometer auseinanderliegende Hallen wäre die Koordination der zehn Teams extrem schwierig." Und: "Es ist eine grundlegende Entscheidung, wie viel der Politik die sportliche Betätigung der Schüler und das ehrenamtliche Engagement im Verein noch wert sind."

Selbstverständlich ist die Lösung in der Turnhalle des Gymnasiums nicht optimal und keine Lösung auf Dauer, und genauso selbstverständlich ist die sportliche Betätigung unserer Schüler wichtig. Doch im Herbst lässt sich auch im Freien noch gut Sport betreiben. Unsere Vereine sind wichtig, und es ist verständlich, dass eine erfolgreiche Mannschaft um ihre Saison bangt. Doch ein Zeichen der Politik und von uns allen wäre es jetzt, ein Vorbild für unsere Kinder und Jugendlichen zu sein, indem wir zeigen, dass Sport, Vereinsinteressen und ungestörter Komfort im Schulgebäude auch einmal Herz und Charakter weichen sollten.

Dr. des. Barbara NeuberAltenstadt/WN

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