"Ich sage noch immer wir"

Kontinuität ist eine schöne Tugend im Landkreis Neustadt: Christian Kreuzer (CSU) brachte es zwischen 1949 und 1984 auf 35 Amtsjahre als Landrat. Simon Wittmann (CSU/1996 bis 2014) zuletzt immerhin noch auf gut die Hälfte. Diplomgermanist Andreas Meier (CSU) möchte jetzt neue Akzente setzen.

Herr Meier, bei Ihnen hat sich ja ganz schön viel verändert - ich hätte beinahe das Landratszimmer nicht wiedererkannt ...

Meier: Ja, das stimmt schon, das meiste ist neu, nur der Tisch ist geblieben ...

Aber der stand vorher da hinten ...

Meier: Richtig.

Ist da schon Ihr Veränderungswille zu erkennen - was sind Ihre wichtigsten Ziele nach dem Umzug vom Windischeschenbacher Rathaus ins Neustädter Schloss?

Meier: Naja, es gibt schon einen Umbruch in der Verwaltungsstruktur. Und natürlich will ich bei aller Hochachtung vor der Leistung meines Vorgängers auch neue Akzente setzen. Mein Thema ist die Digitalisierung, das Breitbandförderprogramm. Glasfasern sind die Lebensadern von heute, das, was früher die Straßen waren. Sie sind ein Instrument, um neue Unternehmen anzusiedeln, aber auch Heimarbeitsplätze für die Bevölkerung. Selbst für den Zuzug junger Familien ist heutzutage entscheidend, welche Kabelanbindung vorhanden ist.

Wie weit ist der Landkreis dabei und wie hilfreich Söders Breitbandinitiative?

Meier: Wir haben in Windischeschenbach - ich sage immer noch wir - das 19-Punkte-Programm durchlaufen: ein irrsinniger Prozess. Heute reicht die Feststellung des Gemeinderates für die Anmeldung des Bedarfs. Das läuft ohne Probleme in der Umsetzung. Ich bin dabei, ein Konzept zu erstellen, und die Kommunen durch eine landkreisweite Planung zu unterstützen. Wir sollten erfassen, wo die Infrastruktur bereits vorhanden ist, das sollte im Geoinformationssystem (GIS) verzeichnet werden. Mit einem Breitband-Kataster könnte man ausloten, ob man Synergieeffekte erzielen kann.

Wie wollen Sie künftig mit dem umstrittenen Thema Windenergie umgehen?

Meier: Wir haben die letzten sechs Jahre versucht, über den Regionalen Planungsverband einen Plan aufzustellen - wurden aber ausgebremst. Inzwischen meine ich, der vernünftigere Weg ist, die Planungshoheit wieder zurück auf die kommunale Ebene zu geben. Die das haben wollen, sollen Vorranggebiete ausweisen. Sie können dabei die Daten der letzten sechs Jahre nutzen, Bürger können beteiligt werden, auch die Nachbarkommunen. Am Schluss steht ein ganz normaler Aufstellungsbeschluss. Vielleicht kann man dadurch die Akzeptanz erhöhen.

Wie geht's mit der Energiewende im Allgemeinen voran?

Meier: Man will keine Trasse, keine Windräder - ich habe Sorge, ob man das in der Realität wird halten können. Mir ist das zu viel Basta-Mentalität, das wird uns in zehn Jahren einholen. Ich kann mit Photovoltaik an der Autobahn einwandfrei leben, sehe großes Potenzial bei Einsparungen. Aber egal, was man anpackt, bei Großprojekten bekommt man immer Gegenwind. Ich erlebe die Widersprüchlichkeit fast täglich. Erst ist eine "BI gegen atomare Anlagen da", die wissen will, wann endlich mehr Windkraft kommt. Dann stehen die Kommunen vor der Tür und sagen "bei uns nicht". Man muss auch mal was durchsetzen, selbst wenn's unbequem ist. Wenn Politik sich nicht mehr traut, Entscheidungen zu treffen, dann können wir aufhören - siehe Weiden und das Ratsbegehren gegen das Gewerbegebiet.

Was versprechen Sie sich vom Nordbayernplan?

Meier: Ich erwarte mir, dass die angekündigten Behörden in den Landkreis kommen. Dass so etwas einen Effekt hat, sieht man in Tirschenreuth am Amt für ländliche Entwicklung. Die Verlagerung alleine ist aber noch kein Allheilmittel. Ich finde gut, dass viel in Bildung investiert wird. Die OTH ist ein Mittel, um junge Leute bei uns zu halten. Ich glaube, dass die Stärke in unserer Region schon immer war, dass die Leute angepackt haben. Das ist ein Geist, den man nicht verordnen kann. Konkreteres wissen wir selbst noch nicht, nutzen aber alle politischen Drähte bis hin zum Ministerpräsidenten, um Neustadt zu positionieren.

Wie finden Sie den Vorschlag, Amberg wieder zur Hauptstadt der Oberpfalz zu machen?

Meier: Ein gelungener Werbegag, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ihr Vorgänger hat schon mal eine Größenordung für die Behörde in den Raum gestellt, die er sich im Landkreis wünscht ...

Meier: Da hat er Recht. Uns hilft keine Außenstelle mit 15 unmotivierten Beamten, die nicht hierher wollen. 300 Leute würden einen Effekt bringen - mit Zuzügen, Kaufkraft-Zuwachs, das hätte Strahlkraft.

Die Friedrichsburg in Vohenstrauß, das frühere Landratsamt des Altlandkreises, wäre so ein geeigneter Standort?

Meier: Vohenstrauß mit der Friedrichsburg ist eine Möglichkeit, Altenstadt und Windischeschenbach haben Bleikristall-Unternehmen verloren, Eschenbach das Krankenhaus, in Trabitz steht Faurecia im Feuer, da muss auch mal ein Ausgleich von oben kommen.

Eine Studie hat kürzlich festgestellt, dass sich die Stadt Vohenstrauß bei der Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen positiv entwickelt - die Altersgruppe junger Familien. Gründe dafür: Arbeitsplätze, eine gute Schul- und Einkaufsinfrastruktur und günstiger Wohnraum. Was kann der Landkreis leisten, um eine Negativ-Spirale zu vermeiden - also weniger Schüler, weniger Schulen, weniger Zuzüge?

Meier: Wichtig ist die Kombination aus bezahlbarem Wohnraum und Arbeit, auch für Frauen, weil von ihnen oft der Ortswechsel abhängig gemacht wird. Der Ballungsraum ist nicht immer der schönste aller Lebensräume. Man kann bei uns genauso gut leben und ist in 90 Minuten in der Allianz-Arena. Wir müssen schauen, dass wir unsere Stadtkerne barrierefrei machen, kurze Wege zum Bäcker und Metzger bekommen. Seniorengerechtes Wohnen in der Altstadt ist ein Thema - wir haben da einen Pflock eingeschlagen und Erdgeschosswohnungen barrierefrei umbauen lassen. Dann gibt's keine Veranlassung, in die Stadt zu ziehen.

Kleinster gemeinsame Nenner und Alleinstellungsmerkmal des Landkreises bleibt das Zoigl?

Meier: (lacht) Wir haben ja nur einige Kommunen, wo das Original gebraut wird. Aber klar, Zoigl ist nach wie vor ein Trend, der ungebrochen ist und für die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth ein Alleinstellungsmerkmal ist. Den Bohrturm in Windischeschenbach haben wir alleine, den Bocklradweg, den Geopark und einige regionale Produkte. Wir haben von der Erschließung mit A93 und A6 einen großen Vorteil, weil hier einiges an Gewerbegebieten entsteht. Ich würde aber sagen, das gemeinsame Gefühl bei uns ist, dass man sich die Lebensqualität noch leisten kann.

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