Im Sexten Himmel

Die Drei Zinnen in Südtirol sind das Symbol der Dolomiten. Das Bergmassiv gilt als das meistfotografierte der Alpen. Dabei verstecken sich die markanten Gipfel ziemlich lange, wie eine Wanderung zur Drei-Zinnen-Hütte zeigt.

"Heute gibt's schönes Wetter", ruft Frau Evi ihren Gästen im Hotel zu. Die sitzen recht verschlafen am Frühstückstisch, aber immerhin abmarschbereit im Wanderoutfit. "Am Nachmittag könnten Wärmegewitter kommen. Starten Sie nicht zu spät!" Noch hängen Nebelfetzen an den Bergspitzen, doch allmählich reißt es auf. Nichts wie raus!

Die Drei Zinnen sind die wohl meistfotografierte Felstrilogie der Alpen. Sie zieren Postkarten, Kalender und Bildbände auf der ganzen Welt. Manche kennen die Bergspitzen von früher, als sie Vorbild für ein Eis am Stiel mit dem Namen "Dolomiti" waren.

Sexten und sein Ortsteil Bad Moos, seit jeher Heimat berühmter Bergführerfamilien, sind Ausgangspunkt für viele Ausflügler. Hier auf 1339 Metern Höhe startet auch der Wanderweg zur Drei-Zinnen-Hütte. Ein Tourenklassiker. Kaum überquert der Wanderer den Dorfbach, steht er schon mitten im Nationalpark, umgeben von altem Lärchenwald. Meterhohe, hellgrüne Nadelbäume wachsen links und rechts des Weges. Wer sich nach Einsamkeit sehnt, ist hier im Sommer fehl am Platz. Ein "Grüß Gott" geht einem minütlich über die Lippen. Doch die Besucher verteilen sich erstaunlich gut. Und je höher man steigt, desto unberührter wirkt die Gipfelwelt.

Nach knapp zwei Kilometern folgt der Einstieg ins wildromantische Fischleintal. Es gehört zu den schönsten Tälern im Naturpark Sextner Dolomiten. Links lässt man die "Alte Post" liegen, ein historisches Bauernhaus, in dem Kanzlerin Angela Merkel noch vor einigen Jahren mehrfach Urlaub gemacht hat. "Bis Reinhold Messner sie nach Sulden gelotst hat", sagt Erwin Lanzinger, Tourismuschef des Hochpustertals, Hotelier und passionierter Kutscher.

Gewaltige Felsen

Wer in das Fischleintal hineinschaut, der sieht vor sich den Neuner-, den Zehner-, den Elfer-, den Zwölfer- und den Einserkofel. Es sind gewaltige Dolomitenfelsen, jeder Gipfel ist rund 3000 Meter hoch. Durch das Tal führt der Wanderweg gemütlich zur Talschlusshütte auf 1548 Metern. Dort zeigt der Wegweiser Richtung Drei-Zinnen-Hütte, es geht weiter durch das Altensteintal. Der Wanderer fragt sich spätestens hier: Wo haben sich eigentlich die Drei Zinnen versteckt? Stets kommen neue Anhöhen und Kurven in Sicht. Aber nicht die berühmten Felszacken, die jede zweite Postkarte im Hochpustertal zieren. Sind sie vielleicht nur eine Erfindung?

An der Baumgrenze wird die Vegetation spärlicher, die Alpenblumen scheinen dagegen kräftiger zu strahlen - doch das berühmte Bergtrio ist noch immer nicht in Sicht. Der Weg führt stetig aufwärts und steigt über ein paar Kurven auf 2300 Meter. Nach drei Stunden eröffnet sich eine Hochfläche, auf der sich der Himmel in zwei Bergseen spiegelt. Eine letzte kleine Steigung liegt vor einem, und dann: Endlich! Das Dach der Drei-Zinnen-Hütte. Und dahinter erheben sich die mächtigen Türme. Je näher man kommt, umso eindrucksvoller wirken die Drei Zinnen, deren höchste Erhebung von 2999 Metern knapp an der Dreitausendermarke vorbeischrammt.

Gewaltiges Panorama

Bei der 2438 Meter hoch gelegenen Drei-Zinnen-Hütte bleiben Wanderer ehrfurchtsvoll stehen wie vor einer Kapelle: Hier offenbart sich ein gewaltiges Panorama. Wie drei riesige Zähne ragen die zerklüfteten Felsen aus schütterem Geröll. Vor einen Zahn schiebt sich Nebel. Bei diesem Ausblick kann der Wanderer auf der geräumigen Außenterrasse der Hütte Höhensonne tanken und Schnitzel essen. Wer am späten Nachmittag hinaufkommt, erlebt ein Alpenglühen wie gemalt.

Traumhafte Momente

Nach der Mittagsrast ziehen sich die Wolken dramatisch dunkel über der Hütte zusammen. Frau Evi hatte also recht. In der Hütte warten oder schnell runter? Besser Letzteres. Auf den ersten Metern prasseln schon schwere Tropfen auf die Felsen, Wanderer ziehen ihre Regencapes über. Doch nach einer halben Stunde hört es auf zu schütten - und gleich zwei Regenbögen ziehen sich durch die Luft. Das sieht fast noch schöner aus als die glühenden Berge.
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