In die Freiheit geschnorchelt

Gehen, wohin man will? Für die Menschen in Ost-Deutschland war das früher nicht möglich. Sie lebten in der DDR. Und die Regierung hatte die Grenzen dichtgemacht. Einige von ihnen sahen nur einen Ausweg: die Flucht. Auch Hubert Hohlbein wagte es.

Tiefschwarz liegt der Himmel über dem Wasser an diesem 21. November. Der Wind weht leicht und es ist kühl. Diese ungemütliche Nacht hat sich Hubert Hohlbein ausgesucht. Er macht sich auf in ein neues Leben - mit einem Taucheranzug und einem Schnorchel.

Vor ihm liegt das dunkle Wasser, auf dem sich kleine Wellen kräuseln. Und dort hinten, bei der erleuchteten Brücke, ist das Ziel: der Westen.

Türme und Zäune

Das war in einer Nacht vor etwa 50 Jahren. Damals gab es zwei deutsche Staaten: die Bundesrepublik Deutschland im Westen und die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR, im Osten. Zwischen beiden deutschen Staaten verlief eine Grenze. Die Grenze ließ die Regierung der DDR streng bewachen. Sie wollte verhindern, dass Bürger in den Westen auswanderten. Deshalb ließ sie Wachtürme, Zäune und sogar eine hohe Mauer bauen - mitten durch die Stadt Berlin.

Fliehen war lebensgefährlich. Flüchtlinge mussten fürchten, entdeckt und verhaftet, verletzt oder auch getötet zu werden. Trotzdem versuchten es viele Menschen.

Auch Hubert Hohlbein wollte nicht mehr eingesperrt sein in Ost-Berlin. Er war damals 21 Jahre alt. Für seine Flucht suchte er sich gemeinsam mit zwei Freunden einen See an der Grenze aus. Auch der wurde natürlich bewacht.

Gegen Mitternacht macht sich Hubert Hohlbein auf den Weg. "Angst? Nee, die hatte ich nicht. Sonst hätte ich es gar nicht erst versucht", erinnert er sich.

Er schnorchelt los. Schlägt möglichst ruhig mit den Schwimmflossen, damit er bloß nicht auffällt. Um Hubert Hohlbeins Körper hängt ein Bleigürtel, der ihn tief im Wasser liegen lässt. "Wir haben zu dritt monatelang trainiert und dann eine Stelle gesucht, die die Grenzsoldaten nicht für eine Flucht vermuten würden", erzählt er.

So entscheiden sich die drei für eine relativ lange Strecke über das Grenz-Gewässer. "Vorbereitet haben wir alles gemeinsam. Aber als es ernst wurde, musste es jeder für sich schaffen." Denn gemeinsam zu schwimmen, wäre viel zu auffällig gewesen. Hubert Hohlbein ist der Letzte der Dreier-Bande. Als er Richtung West-Berlin schnorchelt, sind die anderen beiden schon seit Wochen dort.

In der Finsternis heißt es: Bloß nicht in die falsche Richtung abtreiben! "Ich habe mich die ganze Zeit auf die erleuchtete Brücke konzentriert", erzählt Hubert Hohlbein. "Einmal glitt Licht von Scheinwerfern der DDR-Grenzsoldaten übers Wasser - aber sie haben mich nicht gesehen." Anderthalb Stunden schnorchelt er. Dann liegt es vor ihm: das Ufer von West-Berlin.

Polizisten gratulieren

Etwa 200 Meter von der Brücke entfernt krabbelt Hubert Hohlbein an Land. Völlig erschöpft, aber glücklich. Er läuft zur Brücke, wo ihn Polizisten aus dem Westen in Empfang nehmen. "Sie haben mir gratuliert. Und mich sofort in Decken gehüllt und einen Krankenwagen gerufen", sagt der heute 72-Jährige. Aber zum Glück hatte er seine Flucht aus der DDR gut überstanden.

Ob er es heute wieder genau so machen würde? "Auf jeden Fall", sagt Hubert Hohlbein. Bedeutete doch diese Nacht des 21. Novembers 1963 für ihn: die Freiheit. (dpa)
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