Inklusion ist großes Streitthema der Bildungspolitik
Inklusion: Das ist Sache

Vor sechs Jahren hat sich Deutschland verpflichtet, Kinder mit Behinderung nicht von normalen Schulen auszuschließen. Inklusion ist seitdem eines der großen Streitthemen der Bildungspolitik. Denn der Reform-Weg ist steinig, wie alle aktuellen Studien zeigen.

Das Buch "Henri. Ein kleiner Junge verändert die Welt" schildert aus Sicht einer Mutter den Kampf um die schulische Zukunft ihres Sohnes, der trotz Down-Syndroms Gymnasium oder Realschule besuchen sollte. Ein ganz besonderer Fall. Doch den komplizierten Schulalltag mit einem körperlich oder geistig beeinträchtigten Kind kennen Hunderttausende Eltern.

Was hat die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland bewirkt?

2009 ratifizierte der Bundestag die drei Jahre zuvor verabschiedete Vereinbarung der Vereinten Nationen (UN-BRK). Damit verpflichtete sich Deutschland, für Behinderte Bedingungen zu schaffen, die "die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ohne Einschränkungen" ermöglichen - Inklusion. Besonders schwierig ist das im Bildungswesen.

Von wie vielen Schülern mit "besonderem Förderbedarf" sprechen wir?

Nach den bisher aktuellsten Zahlen der Kultusministerkonferenz der 16 Bundesländer gingen im Schuljahr 2013/14 gut 343 000 Mädchen und Jungen auf Förder- oder Sonderschulen. Die Anteil der Schüler mit höherem Förderbedarf, die dennoch auf normale Schulen (Regelschulen) gehen, liegt bei knapp einem Drittel der Gesamtzahl von rund 500 000 (2013/15: 31,4 Prozent: 2008/09: rund 18 Prozent).

Warum gibt es in Deutschland Probleme?

Bildung ist hier Ländersache, so dass die Umsetzung der UN-Vorgabe in jedem Land anders läuft. Zusätzlich gibt es Streit über Details. So sind Übersetzungen der UN-Konvention aus dem Englischen ins Deutsche umstritten, etwa: Haben Behinderte ein Recht auf Bildung, auf Integration, auf inklusive Bildung? Ist dies individuell einklagbar?

Wie geht es betroffenen Eltern in ihrem schwierigen Alltag?

Väter und Mütter von Schülern mit hohem Förderbedarf werden oft enttäuscht - wünschen sie sich doch zu 72 Prozent einen Haupt- oder Realschulabschluss für ihr Kind, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung herausfand. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Drei Viertel dieser Schüler bleiben ohne Abschluss. "Dass diese Kinder in der Statistik geführt werden als Schüler ohne Abschluss, ist ein fatales Signal", sagt Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Es müsse "eine Art qualifizierte Bescheinigung" zu Kenntnissen und Fähigkeiten der Förderschüler geben.

Welche Gründe haben Eltern, ihr Kind dennoch auf eine Sonderschule zu schicken und nicht auf eine reguläre?

Oft haben diese Kinder schwere gesundheitliche oder körperliche Einschränkungen, so dass sie in einer normalen Schule vermutlich nicht mitkämen. Wer sein Kind in die Förderschule schickt, wolle nicht, dass es "permanent das Gefühl des Scheiterns erlebt", so der Befund der CDU-nahen Stiftung. "Wer sein Kind in eine Regelschule schickt, stellt die gesellschaftliche Integration in den Mittelpunkt." Wichtig sei eigentlich allen befragten Eltern, die Wahl zwischen den beiden Optionen zu haben.

Wie hat sich Inklusion in Deutschland entwickelt?

Realschulen und Gymnasien hinken laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vom September hinterher. Während in Kitas und Grundschulen die Inklusionsquoten bundesweit bei 67 beziehungsweise knapp 47 Prozent lägen, gehe nur knapp jeder zehnte Schüler mit Förderbedarf auf Realschule oder Gymnasium. Stiftungsvorstand Jörg Dräger sagt: "Inklusion in Deutschland macht Fortschritte. Zum gemeinsamen Lernen ist es aber noch ein weiter Weg."

Warum ist die Lage an Gymnasien bei der Inklusion unbefriedigend?

Der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, beklagt, dass Gymnasien im Vergleich zu anderen Schulformen für die Inklusion finanziell und personell schlechter gestellt würden. Zum anderen sei am Gymnasium echte Inklusion nur für Schüler möglich, die auch Chancen hätten, das Abitur zu erreichen. "Kindern mit geistigen Behinderungen ist nicht gedient, wenn sie an eine Schulart gehen, an der sie mit zwei bis drei Fremdsprachen konfrontiert werden."

Was halten die Lehrer in Deutschland vom inklusiven Unterricht?

Sie fühlen sich nach einer im Mai vorgestellten Umfrage für den Verband Bildung und Erziehung dafür kaum gerüstet. Die Pädagogen beklagen schlechte Vorbereitung, mangelhafte personelle und räumliche Ausstattung sowie zu große Klassen. Für 82 Prozent war Inklusion kein Bestandteil der Lehrerausbildung, 57 Prozent verfügen über keinerlei sonderpädagogische Kenntnisse.

Und was wurde aus Henri, dem Jungen mit Down-Syndrom?

Nach einem Wiederholungsjahr in der Grundschule wechselte der Junge auf eine Realschule. Die hatte ihn ein Jahr zuvor noch abgelehnt - ehe dann eine gemeinsame Klasse für behinderte und nicht behinderte Schüler eingerichtet wurde.
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