Insider-Report aus der Crystal-Szene: Zwei Konsumenten und ein Dealer berichten - Sie denken ...
Sex, Geld und Videospiele

Crystal Meth wird im brutalen Prostitutions- und Menschenhändlermilieu häufig als Aufputschmittel eingesetzt. Gerade in Tschechien ist die Verfügbarkeit der gefährlichen Droge mit stimulierender Wirkung besonders hoch. Aber auch Partygänger experimentieren mit dem lebensbedrohenden Aphrodisiakum.
 
Ein semiprofessionelles Labor zur Herstellung synthetischer Drogen.
 
Spielsucht ist eine häufige Begleiterscheinung der Crystal-Abhängigen - was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass Videospieler häufiger zu Drogen greifen. "Die dunkle abgeschirmte Atmosphäre von Daddelbuden wirkt beruhigend auf die stets aufgekratzten Konsumenten", beobachtet etwa auch Weidens Kripochef Thomas Bauer. "Mit Begeisterung bauen Crystal-Abhängige Kugelschreiber auseinander und zusammen oder wiederholen stundenlang ihre Videospiele", sagt auch Drogentherapeut Dr. Roland Härtel-Pet
In dieser Serie kamen bislang vor allem Experten zu Wort, die sich als Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter, Polizisten und Politiker mit dem Komplex Crystal Meth beschäftigen. Über ihre Erfahrungen mit der Droge haben auch einige Ex-User gesprochen, die den Ausstieg bereits geschafft haben - oft nach jahrelangen Versuchen und zahlreichen Rückschlägen.

Was aber haben diejenigen zu sagen, deren Leben sich tagtäglich um die Droge dreht? Wie, wenn überhaupt, nehmen sie ihr Problem wahr? Was hat sie dazu gebracht, mit dem gefährlichen Rauschgift zu experimentieren? Welche vermeintlichen Vorteile glauben sie, aus ihrem Konsum zu ziehen? Dies sind einige der Fragen, die drei "Insider" aus Tschechien in diesem Teil der Serie beantworten.

Die Befragten, eine Frau und zwei Männer im Alter zwischen 29 und 37 Jahren, stammen aus diversen sozialen Schichten und befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Sucht. Zwei leben in Prag, einer in der Nähe von Cheb/Eger. Von ihrer Abhängigkeit abgesehen, haben sie eines gemeinsam: Sie scheinen nicht ans Aussteigen zu denken und haben sich mit dem Leben als Crystal-Junkies arrangiert.

Am weitesten ging Karel, 37-jährig, ledig und kinderlos. Der Prager nimmt den Stoff seit Ende der 90er Jahre und finanziert seine Sucht, indem er die Droge im Heimlabor herstellt und im weiteren Bekanntenkreis verkauft. Ansonsten schlägt er sich mit "kleineren Geschäften" und Gelegenheitsjobs durch, einen festen Beruf hatte er nie. Den braucht er nach eigener Überzeugung auch nicht. Sein "Pernik" ("Lebkuchen" für Crystal) sei Spitzenware und verkaufe sich "von selbst".

Damit Geld ins Haus kommt

"Beim Pervitin geht es in erster Linie ums Geld. Du brauchst Geld für die Küchenausstattung (Laborausrüstung, Anm. d. Red.), Geld für die Medikamente und die Chemikalien. Dann kriegt man ja auch nicht immer alles. Und wenn du kochst, behältst du die erste Tour für dich selbst, das ist das Beste, und den Rest verkaufst du halt, damit wieder Geld für die nächste Ladung ins Haus kommt", erklärt er im typischen Crystal-Stakkato, von nervösen Gesten mit der Hand begleitet.



"Total wichtig ist das Timing, damit die Ware sauber wird. Nach unsauberem Stoff, der oft mit irgendwelchen Medikamenten gestreckt wird, ist man aufgeschwemmt und angeschwollen wie sonst was. Oder dieses gelbliche Zeug, das sind dann Reste vom Jod, das man beim Kochen nimmt." Das gebe dann diese typischen Ausdünstungen, an diesem Gestank erkenne ein User den anderen, immer. Das sei absolut unverwechselbar. "Du steigst in die Straßenbahn ein, und am anderen Ende steht einer, der das auch nimmt, das riechst du sofort. Also wenn das irgendwo im Freien wäre, ich würde den auf fünf Kilometer riechen, gegen den Wind."

Um unangenehme Überraschungen aufgrund des verräterischen Geruchs zu vermeiden, verlegt er die Herstellung meist aufs Land. "Wenn jemand zum Beispiel ein Wochenendhaus irgendwo im Wald hat, koche ich dort. Sowieso, wenn man muss, kann man auch unter freiem Himmel kochen.

Einmal hab ich das sogar im Park gemacht, hier um die Ecke, um uns herum sind die Leute herumgelaufen. Wattebällchen mit Benzin tränken, jedes brennt so an die zwei Minuten, dann weißt du, wie viele du brauchst für zwanzig Minuten, länger dauert es nicht. Und los geht's."

Nicht nur mit der Herstellung in der Öffentlichkeit hat Karel Erfahrung. "Einmal hab ich mir an der Haltestelle einen Schuss gesetzt, musste in dem Augenblick einfach sein. Ich hab laut gesagt, so, jetzt verabreiche ich mir was, und ihr haltet alle schön das Maul. Dann schauen die alle so und ich zeig' auf die einzelnen Gestalten und sag: Du bist doch selber drauf, du da kiffst und würdest es auch mal ganz gern probieren, du da bist blau und so weiter. Keiner von denen hat ein Wort gesagt. Bei einem Typ sah man sogar fast, wie ihm der Speichel zusammenläuft", beschreibt er die Situation und gibt sich den Anschein, genau das Richtige getan zu haben. "Hier nehmen dermaßen viele Leute alles mögliche an Zeug, also was soll der Geiz?"

Doping für die Play-Station

Um etwas mehr Diskretion bemüht sich Jirka (35) aus der Nähe von Eger/Cheb an der deutschen Grenze. Der geschiedene Vater von zwei Kindern, kaufmännischer Angestellter in einem Logistikbetrieb, scheint sich bewusst zu sein, dass sein Konsum sein ansonsten recht geregeltes Leben bedrohen könnte. Eine Therapie habe er aber "nicht nötig", zeigt er sich überzeugt. Dabei würden wahrscheinlich sogar zwei Therapien nicht schaden. Der untersetzte Jirka verbringt jede freie Stunde an der Play-Station.



Seine Crystal-Initiierung begann beim Spielen. "Ich wollte nie Drogen nehmen. Dann sitze ich einmal mit einem Kumpel bis früh am Morgen an der Play-Station, mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, aber er ist immer noch fit wie ein Turnschuh. Gegen sechs Uhr sagt er: ,Willst du nicht auch ein bisschen Piko (Anm. d. Red.: Insiderjargon: "Pique" wie beim Kartenspiel, )? Meine Alte hat es gekocht, also kein Problem.'"

Er nahm das Angebot an und verabreichte sich den Stoff bald regelmäßig. Ein Problem sah er darin nicht, denn es stellte sich heraus, dass Crystal in seinen Kreisen viel verbreiteter war, als er zuvor wahrgenommen hatte: "Wenn es alle um dich herum nehmen, entsteht daraus so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl."

Ein Kumpel komme auf Besuch, hab etwas Stoff dabei, man packe das Besteck aus und setze sich zusammen einen Schuss. "So ist das, sonst gehört man nicht dazu", beschreibt Jirka und schickt schnell hinterher, dass er Crystal jetzt "nur noch ab und zu" nehme. "Ich habe wahnsinnig zugenommen, darum", erklärt er. Ansonsten glaubt er die Lage "ziemlich unter Kontrolle" zu haben. Seine ruckartigen Bewegungen und fahrigen Gesten sprechen eine andere Sprache.

"Alles wird interessant"

Auch Aja aus Prag glaubt, die Droge "einigermaßen im Griff" zu haben. Die 29-jährige ledige Mutter zweier Kinder lebt von Sozialhilfe in einer Einliegerwohnung im Haus ihrer Eltern. Euphorische Stimmungen und extatische Erlebnisse bei den ersten Experimenten mit Crystal standen am Anfang ihrer "Karriere". Drei Jahre liegt ihr erstes Mal zurück, erzählt sie: "Wenn du drauf bist, interessiert dich einfach alles, auch Dinge, die dir vorher völlig egal waren. Am Anfang ist alles genial. Und dann der Sex! Ich kann dann 24 Stunden am Stück, gar kein Problem. Aber es hängt auch sehr vom Stoff ab. Wenn es was Gutes ist, dann brauchst du zwei, drei Tage keinen Schlaf."

Für sie waren es die "schlechten Modelle", die sie etwas vorsichtiger werden ließen. Sie erlebte Angstzustände, Psychosen und änderte ihre Konsumgewohnheiten. "Heute spritze ich nicht mehr und rauche nur noch, das ist schon okay. Ab und zu habe ich einen Anfall und bin dann drei, vier Tage am Stück unterwegs, Clubs und so. Bei dem Lebensstil braucht man das einfach, sonst hältst du das nicht durch, vor allem ohne Essen. Meine Eltern liegen mir schon immer in den Ohren, ich soll aufhören, aber so weit bin ich noch nicht."
Weitere Beiträge zu den Themen: No Crystal (29)April 2014 (8821)
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