"Intensives und berührendes Niveau"

Eigentlich komisch, sagen viele, eine Weltreligion, die ein Folterinstrument als heiligstes Symbol anbetet - man stelle sich eine Gruppierung vor, die vor einem Galgen, elektrischen Stuhl oder Water-Boarding-Brett kniet!

Dennoch ist das Kreuz ein wunderbares Symbol: Mein größtes Leiden, mein größter Schmerz, das völlige Anhaften an "das Ding", das mich quält und tötet, wird durch Hingabe zu meiner größten Glückseligkeit, Auferstehung und ewigem Leben. Das Kreuz als Symbol des menschlichen Leidens, dessen Verwandlung in tiefem Frieden durch Hingabe zu erleben man noch nicht einmal Christ sein muss.

Eine kommunale Gemeinschaft verschreibt sich der Aufgabe, das Leiden Christi für den Zuschauer fühlbar zu machen und damit zu vergegenwärtigen - eine große, über die Jahrhunderte gewachsene Tradition vor allem im süddeutschen Raum.

Die Tirschenreuther Passion nimmt hier eine ganz eigene Stellung ein. Sie will sich, so Autor Johannes Reitmeier, "nicht mit den großen Passionsdarstellungen in Thiersee, Erl oder gar Oberammergau messen. (...) Vielmehr versteht (sie) sich (...) als ein kammerspielartiger, geradezu intimer Bilderbogen - fernab jeder Monumentalität der Massenaufzüge und Kolossalbauten."

Reitmeiers Text ist so bibelgetreu wie poetisch, so einfach wie kraftvoll, so direkt wie berührend. Der Oberpfälzer Dialekt verleiht ihm eine große Ursprünglichkeit und originäre Kraft. Reitmeiers Inszenierung ist von hoher formaler Strenge, gefüllt mit großer ursprünglicher Reinheit und Emotion.

Bemerkenswert erscheint in Tirschenreuth auch die hohe darstellerische Begabung der Mitwirkenden. Weit über den bloßen "guten Willen", sich bei dem lokalen Passionsspiel zu engagieren, gelingt ein sehr intensives und berührendes darstellerisches Niveau. Das herzliche Engagement aller Beteiligten verdient ganz besondere Beachtung.

Als Spielleiter der Tirschenreuther Passion 2015 versuche ich, die großen Stärken von Text und Inszenierung, die Strenge und die kammerspielartige Intimität, zu respektieren, zu schützen und zu stärken. Gleichzeitig liegt es mir am Herzen, nicht durch das zu strikte Bewahren sämtlicher Details der vergangenen Passionsspielzeiten das Gefühl von Luftleere entstehen zu lassen.

Bei Bewahrung aller Stärken der einzigartigen Tirschenreuther Passion versuche ich in Resonanz mit den Mitwirkenden, das Spiel in jedem Moment mit gegenwärtigem Leben zu erfüllen.
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