Interview mit Maya Gaderer-Forster – Praxis für Psychotherapie
Auf dem Weg zu sich selbst: Wer bin ich?

Sobald der Mensch erwachsen ist, ändert er sich kaum noch. Oder vielleicht doch? Ein Interview mit Maya Gaderer-Forster, die in Weiden eine Praxis für Psychotherapie betreibt.

Frau Gaderer-Forster, angenommen, jemand möchte selbstsicherer werden, weniger launisch oder generell optimistischer in die Zukunft blicken – hat er eine Chance? Können sich Erwachsene noch verändern?

Die Chance besteht, ja – definitiv. Auch Erwachsene können sich noch verändern. Indem man bewusst erkennen lernt, welche Muster und Strukturen für unser Sein und Handeln verantwortlich sind, ist es uns möglich, daran etwas zu verändern.

Wie können solche Veränderungsprozesse gelingen – und wie schwierig ist es, erlernte Verhaltensweisen aufzugeben?

Eine bestimmte erlernte Verhaltensweise hat einen Werdegang, der beleuchtet werden muss. Wohin führen die Wurzeln dieses Verhaltens, aus welchem Grund ist es für diesen Menschen wichtig gewesen, sich dieses Verhalten anzueignen? Wenn eine Verhaltensweise jahrelang wichtig und nutzbringend war, dann heißt es, sich die Frage zu stellen, ob das nach wie vor noch der Fall ist und das Erwachsenen-Ich davon profitiert. Sich der Hintergründe und Strukturen bewusst zu werden kann schwierig sein, braucht Geduld, viel Liebe und Einfühlungsvermögen – vor allem sich selbst gegenüber. Aus Erfahrung kann ich berichten, dass es meist als unglaubliche Erleichterung empfunden wird, wenn belastende negative Verhaltensweisen abgeändert werden können.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang negative Erfahrungen in der Kindheit?

Negative Erfahrungen in der Kindheit spielen eine wichtige Rolle. Man muss unterscheiden, ob es ein einmaliges traumatisches Erlebnis oder eine wiederkehrende negative Erfahrung war. Oftmals ist es schmerzvoll an die abgespeicherten Erinnerungen hinzufühlen, jedoch ist das Erkennen, dass das Erwachsenen-Ich dem Kind-Ich nun beistehen kann, es verstehen lernt, Ressourcen nutzen kann, bewusst unterscheiden kann … von massiver Erleichterung geprägt.

Angststörungen und Depressionen sind körperliche, geistige und seelische Alarmzeichen: Eine Methode, Menschen zu therapieren ist die integrative Psychotherapie – was ist darunter zu verstehen?

Bei der integrativen Psychotherapie wird Krankheit als Störung oder Beeinträchtigung bestimmter Anteile der Strukturen oder der Funktionen des Menschen verstanden. Es werden die Faktoren berücksichtigt, die verantwortlich sind für die Auslösung, die Aufrechterhaltung, die Chronifizierung und den unterschiedlichen Spontanverlauf von Krankheit und Leiden. Dies geschieht immer in Betrachtung der Konsequenzen für den Kranken, seine Familie und die Gesellschaft.

Funktioniert Persönlichkeitsentwicklung eigentlich nicht automatisch? Also lernen wir uns im Laufe des Lebens nicht wie von selbst immer besser kennen und verstehen? Oder ist das ein Irrglaube?

Was automatisch passiert ist der Entwicklungsprozess, das Altern, das Ansammeln von Erfahrungen, indem wir am Leben aktiv teilnehmen. Seine Persönlichkeit zu entwickeln, bedeutet auch seine Stärken und Schwächen, Licht und Schattenseiten zu erkennen. Wann reagiere ich wie, warum und auf welche Art und Weise? Was ist mir im Leben wichtig, welche Bedürfnisse, Ziele und Wünsche habe ich? Wie nehme ich wahr? Bin ich sensibel, sensitiv, fühle ich mich stark oder schwach, aktiv oder passiv? Wie schütze ich mich vor Angriffen jeglicher Art? Wie reagiere ich auf Menschen, mein Umfeld, meine Familie? Welchen Platz nehme ich in der Gesellschaft ein? Wie zufrieden bin ich mit dem, was ich tue? Wenn ich könnte wie ich wollte, was würde dann passieren? Wie empfinde ich mein Leben im Hier und Jetzt, retrospektiv und zukunftsorientiert betrachtet? Fragen, die uns Auskunft geben über unsere Persönlichkeit und den Status der Entwicklung.

Wenn wir uns das ganze Leben lang weiterentwickeln – werden wir dann glücklicher?

Das hängt ganz von der Art der Weiterentwicklung ab. Sich glücklich zu fühlen, ist eine Bestandsaufnahme des Moments. Glückseligkeit ist das Wahrnehmen eines angenehmen stimmigen Augenblicks. Wir können sagen ,,ich hatte eine glückliche Kindheit“ oder ,,ich wünsche mir eine glückliche Zukunft“. Glück zeigt sich dann wenn wir hinschauen, die Stimmung in uns aufnehmen. Um Glück zu empfinden, müssen unsere Sinne aktiviert sein. Was sehe ich, höre ich, rieche ich, fühle ich, schmecke ich und darüber hinaus, was nehme ich wahr und was nimmt der andere wahr? Beobachten Sie Kinder vor einer Eisdiele, riechen Sie im Frühling an sonnenbeschienenen Rosen … wir können die Fähigkeit Glück wahrzunehmen, entwickeln – indem wir lernen, unseren Fokus auf Dinge zu richten, die uns Freude bereiten.
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