Italien trauert und bangt nach dem Erdbeben
Bürgermeister gibt Amatrice auf

Ein Ort als Trümmerhaufen. Suche mit schwerem Gerät in Amatrice. Bild: dpa
 
Überlebende von Amatrice im Stadtpark. Der Bürgermeister will den Ort komplett neu aufbauen. Das historische Amatrice sei nicht zu retten. Bild: dpa

Der vom Erdbeben verwüstete Ort Amatrice ist nach Einschätzung des Bürgermeisters nicht mehr zu retten. «Amatrice muss komplett dem Erdboden gleichgemacht werden», sagte Sergio Pirozzi am Freitag. Im historischen Zentrum, das noch aus dem Mittelalter stammt, sei kein Gebäude mehr intakt. «Wir wollen (die Stadt) am gleichen Ort, vielleicht in gleicher Form und mit der gleichen Ästhetik aufbauen.»

Amatrice gehörte zu den «schönsten Dörfern Italiens», eine
Kategorisierung, für die die Orte bestimmte kulturelle und
architektonische Kriterien erfüllen müssen. Der Ort war am Mittwoch
von dem Beben besonders getroffen worden, mehr als 200 Menschen kamen
in Amatrice ums Leben.

Notstand ausgerufen


Die Regierung in Rom tief den Notstand und einen Tag der nationalen Trauer
aus. Zugleich sollen an diesem Samstag alle Flaggen an öffentlichen Gebäuden im Gedenken an die Hunderten Opfer landesweit auf halbmast gesetzt werden. In Ascoli Piceno wurde Staatspräsident Sergio Mattarella zu einer Trauerfeier für die Toten der Region Marken erwartet. Zuvor wollte er den stark verwüsteten Ort Amatrice in Latium besuchen, wo es ebenfalls eine Trauerfeier für die Opfer
geben soll - wo und wann, war zunächst unklar.

Bei der Erdbebenkatastrophe kamen nach Angaben des Zivilschutzes vom
Freitag mindestens 267 Menschen ums Leben, 387 wurden verletzt ins
Krankenhaus gebracht. Mehr als 900 Nachbeben seit den schwersten
Erdstößen in der Nacht zum Mittwoch versetzten Überlebende in Angst
und Schrecken.

"Wiederaufbau Priorität des Landes"


Ganze Dörfer sind verwüstet. Die Regierung von Ministerpräsident
Matteo Renzi versprach einen schnellen Wiederaufbau und eine bessere
Erdbebenvorsorge. «Wir haben die moralische Pflicht gegenüber den
Frauen und Männern dieser Gemeinden», sagte Renzi nach einer
Krisensitzung des Ministerrats am Donnerstagabend. «Der Wiederaufbau
dieser Dörfer ist die Priorität der Regierung und des Landes.» Zudem rief der Ministerrat den Notstand aus und sagte Hilfsgelder von 50 Millionen Euro zu. Auch die Erdbebenvorsorge müsse verbessert werden. «Das muss unsere Hausaufgabe für die Zukunft sein», so Renzi.

Der Erdbebenschutz wurde auch nach dem schweren Erdbeben von L'Aquila
mit 309 Toten vor sieben Jahren verbessert, die Regeln werden jedoch
oft nicht umgesetzt. Viele der alten Häuser waren am Mittwoch
innerhalb von Sekunden in sich zusammengebrochen. Wie viele Menschen
noch verschüttet oder vermisst sind, war weiter unklar.

Nachbeben und Plünderungen


Das stärkste Nachbeben ereignete sich am Freitag um 6.28 Uhr und
hatte nach Angaben der italienischen Erdbebenwarte eine Stärke von
4,8. Das Zentrum lag demnach in elf Kilometern Tiefe in der Provinz
Rieti, nicht weit von dem Ort Amatrice entfernt. Dort gab es im
Zentrum weitere Einstürze, wie die Nachrichtenagentur Ansa
berichtete. Derweil gab es auch erste Versuche der Plünderung. In Amatrice wurde ein Mann festgenommen, der in ein Haus eindringen wollte, teilte die
Polizei mit.

Auch mehr als 50 Stunden nach der Katastrophe suchten Retter am
Freitag in Amatrice weiter nach Überlebenden. Feuerwehrsprecher Luca
Cari sagte, noch bestehe die Aussicht, Überlebende unter den
Mauerbergen zu finden. «Noch sind wir in der Phase der Hoffnung»,
sagte der dem Sender RAI. Unter meterhohen Schuttbergen in mehreren stark betroffenen Orten dermittelitalienischen Regionen Marken und Latium wurden allerdings auchweitere Tote vermutet.



Überlebt in den Armen der toten Schwester

Für die Helfer liegen Freude und Trauer oft ganz nah beieinander: In
dem verwüsteten Ort Pescara del Tronto ist ein vierjähriges Mädchen
nach 16 Stunden lebend unter den Trümmern ihres Kinderzimmers
gefunden worden - für die ältere Schwester kam aber jede Hilfe zu
spät. Die kleine Giorgia und die neunjährige Giulia seien in enger
Umarmung unter zwei Metern Geröll entdeckt worden, zitierte die
Zeitung «La Repubblica» am Freitag den Retter Massimo Caico.

«Wir haben stundenlang gegraben und zunächst nichts gefunden», sagte
er. Plötzlich aber sei zunächst eine Puppe unter den Steinen
aufgetaucht, und dann ein Fuß. «Er war ganz kalt. Ein ganz schlechtes
Zeichen», erinnerte sich Caico. Als der leblose Körper Giulias
ausgegraben wurde, habe er aber bemerkt, dass sich die Erde daneben
ganz leicht bewegte. Dann sei ein leichtes Stöhnen zu hören gewesen.
«Da hat sich der Alptraum in einen Traum verwandelt», so Caico.
«Giorgia lebt!», habe er geschrien.

Das kleine Mädchen habe den Mund voller Erde gehabt, sei aber
offenbar durch den Körper ihrer Schwester geschützt worden. «Und
wahrscheinlich ist irgendwie ein winziger Luftstrahl zu ihr
durchgedrungen, der ausgereicht hat», sagte der Feuerwehrmann. Sie
sei praktisch unverletzt gewesen und habe gleich nach Wasser gefragt.
«Wenn es Wunder gibt, dann war das ganz sicher eins.» Die Eltern der Mädchen seien schon Stunden vorher lebend geborgen worden, sie lägen schwer verletzt im Krankenhaus.

Weitere Beiträge zu den Themen: Italien (68)Erdbeben (45)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.