Jahrhundertprojekt in der Schweiz
Gotthard: Mythos und Stolz

Eines der Baustellendörfer am Gotthard-Basis-Eisenbahntunnel, aufgenommen über Amsteg. Bild: Berthold Steinhilber/Herrenknecht AG
 

Schweizer sind nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch wenn es um technische Großtaten geht, kennt die Begeisterung kaum Grenzen. Der Jubel zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels ist völlig berechtigt.

Zürich. Das Matterhorn mag schöner sein. Eiger, Mönch und Jungfrau auch. Doch kaum ein anderer Berg der Alpen hat eine so große Symbolkraft. "Ohne Gotthard keine Schweiz", heißt es. Zum Garanten eidgenössischer Souveränität entwickelte sich das Bergmassiv, seit kühne Baumeister im 13. Jahrhundert die wilde Schöllenenschlucht mit einer hölzernen Brücke überwanden.

Historische Dimensionen


Der Gotthard - Quellgebiet des Rheins, der Rhone, der Reuss und des Ticino, von Goethe in "den Rang eines königlichen Gebirges" erhoben - wurde zum wichtigsten Bindeglied der Verkehrsachse zwischen Nordsee und Mittelmeer. Kein Wunder also, wenn jetzt einmal mehr von "historischen Dimensionen" die Rede ist - und vom "Stolz einer ganzen Nation": Am 1. Juni wird mit einem großen Staatsakt der längste Eisenbahntunnel der Welt offiziell eröffnet - der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel zwischen Erstfeld im Kanton Uri und Bodio im Südkanton Tessin. Mehrere Tage lang gibt es danach noch Volksfeste.

Das Schweizer Jahrhundertbauwerk, das sieben Kilometer länger ist als der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal, könnte Verantwortliche in Deutschland vor Neid erblassen lassen: Trotz der gewaltigen Dimensionen wurde das größte Investitionsprojekt in der Geschichte des Landes mit der sprichwörtlichen Schweizer Präzision durchgezogen - ohne große Kostenüberschreitungen und sogar ein Jahr vorher als geplant.

Milliardenprojekt


12,2 Milliarden Franken (11,0 Milliarden Euro) waren allein für das Kernstück des Gotthard-Basistunnels veranschlagt. Das gesamte Alpentransit-Projekt - mit weiteren Röhren durch den Lötschberg und dem Ceneri-Basistunnel zwischen Bellinzona und Lugano (Inbetriebnahme Ende 2020) sowie für Gleisanlagen dazwischen - soll 23 Milliarden Franken kosten.

Wie bei allem, was in der Schweiz von nationaler Bedeutung ist, gab es auch zum Gotthard-Basistunnel ein Referendum. Das Volk sagte 1998 Ja. Kein Wunder also, dass im ersten Zug, der am 1. Juni durch den neuen Gotthard-Tunnel fährt, nicht Honoratioren, sondern Hunderte "Normalbürger" sitzen werden. Die Frei-tickets wurden verlost. Erst im zweiten Zug folgen Politiker und die Staatsgäste - auch Kanzlerin Angela Merkel und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi werden erwartet.

Noch viele Tests nötig


Erst nach 3000 weiteren Testfahrten soll die Strecke vor Weihnachten freigegeben werden und der 1882 in Betrieb genommene Gotthardtunnel zwischen Göschenen und Airolo in die Ruhestandsreserve geschickt werden. "Mit dem Bau der neuen Gotthardbahn verwirklicht die Schweiz eines der größten Umweltschutzprojekte Europas", verspricht der eigens als Tochter der Schweizerischen Bundesbahnen geschaffene Bauträger AlpTransit Gotthard AG.

Was den neuen vom alten Tunnel unterscheidet, ist vor allem die enorme Tiefe, die gerade Strecke und seine Ebenerdigkeit. Der Basistunnel verläuft bei nur geringfügigen Steigungen sowie ohne enge Kurven auf einer Höhe von maximal 550 Metern über dem Meeresspiegel. Experten sprechen daher von einer "Flachbahn". Dank dieser ingenieur- und bautechnischen Meisterleistung, an der in Spitzenzeiten 2400 Arbeitskräfte - unter ihnen viele Deutsche - beteiligt waren, besteht nun eine weitgehend ebene Gleisbettverbindung zwischen Nordsee und Mittelmeer. Personenzüge können den Tunnel mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern durchrasen. Zahlen, die pure Begeisterung wecken im Land, dessen Einwohner mit rund 2300 Schienenkilometern pro Person und Jahr als Bahnreise-Weltmeister gelten.

Doch wichtiger als größere Bequemlichkeit für Reisende sind für Volkswirtschaft und Umwelt die Effekte im Güterverkehr. Pro Tag können künftig 260 Güterzüge das Gotthardmassiv durchqueren statt bisher maximal 180. Damit soll ein Teil der Gütertransporte von der Straße auf die Schiene verlagert werden. Eine größere Reduzierung der Abgas-Belastung durch Straßentransporte erwarten Experten aber erst, wenn weitere neue Alpentunnel fertig werden.

Mit dem Bau der neuen Gotthardbahn verwirklicht die Schweiz eines der größten Umweltschutzprojekte Europas.Die AlpTransit Gotthard AG, Bauträger
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