"Keiner wird gegen den anderen ausgespielt"

Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs erläutert im Interview die Wohnungsbaupolitik der boomenden Oberpfalz-Metropole

Herr Wolbergs, kürzlich hat das Pestel-Institut festgestellt, dass aufgrund der Flüchtlingszahlen in Regensburg aktuell gut doppelt so viele Wohnungen entstehen müssten wie bisher jährlich neu gebaut werden. Was bedeutet das für die Stadt?

Joachim Wolbergs: Auch wenn die Anzahl von 690 Wohnungen für Flüchtlinge stimmen sollte, so ist diese Anzahl nicht im Jahr 2015 notwendig, sondern erst später. Unberücksichtigt bleibt nämlich dabei die Tatsache, dass Asylbewerber zuerst in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden und erst mit einer längeren Zeitverzögerung - und nicht alle - auf dem "normalen" Regensburger Wohnungsmarkt in Erscheinung treten. Nachvollziehbar ist außerdem nicht der Bedarf an Wohnungen, der sich ohne die Flüchtlinge ergeben würde. Hier nimmt das Pestel-Institut einen Bedarf von 1400 Wohnungen an. Das ist überhöht. Bei einem prognostizierten Zuzug von 1500 bis 1800 Personen und einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 1,8 Personen ergibt sich für Regensburg ein Bedarf von 700 bis 1000 Wohnungen. Zwar stehen wir in den kommenden Jahren aufgrund der Flüchtlingssituation vor großen Herausforderungen, aber allein in diesem Jahr werden voraussichtlich wieder mehr als 1300 Wohnungen fertiggestellt und auch der öffentlich geförderte Wohnungsbau, zum Beispiel in der ehemaligen Nibelungenkaserne, wird weiter forciert.

Welche Rolle werden vor diesem Hintergrund die auf Regensburg zukommenden Flüchtlinge spielen? Besteht die Gefahr, dass gerade auf dem Gebiet der Wohnungssuche die eine einkommensschwache Bevölkerungsgruppe gegen eine andere "ausgespielt" wird?

Es wird keiner gegen den anderen ausgespielt: Gerade bei der Stadtbau ist es der Stadt Regensburg möglich, die wohnliche Versorgung von benachteiligten Menschen, das heißt nicht nur Flüchtlingen, sondern generell für Menschen in schwierigen Lebenssituationen, sicherstellen zu können. Das dort erfolgreich praktizierte Scoringverfahren zur Bereitstellung eines Wohnungsangebotes für einen Interessenten ist auf Sozialkriterien fokussiert. Somit werden dort die Vermietungsentscheidungen fernab von wirtschaftlichen Erwägungen in einer Weise getroffen, wie man es von keinem privaten Vermieter oder einer Genossenschaft erwarten kann. Dazu haben wir in der letzten Aufsichtsratssitzung die Installation eines Sozialmanagements beschlossen, das durch Mitarbeiter mit sozialpädagogischer Hochschulausbildung besetzt wird.

Derzeit entstehen in Regensburg ganze Stadtteile neu. Welches Konzept wird hier verfolgt?

Die Ziele der Stadtentwicklung sind im Regensburg-Plan 2005 definiert, der zum Beispiel für neue Stadtteile das Ziel enthält, überschaubare und identitätsstiftende Siedlungsbereiche zu schaffen. Dabei sind auch Infrastruktureinrichtungen und Quartiersmittelpunkte für die wohnungsnahe, dezentrale Grundversorgung mit Gütern und Leistungen, also Lebensmittelhandel oder Bürgertreff, vorgesehen. Damit soll die Vielfalt in den Stadtteilen erhalten und entwickelt werden.

Die neuen Wohngebiete sollen so für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Lebensformen attraktiv sein. Zusätzlich entstehen vor Ort neue Dienstleistungsstrukturen wie zum Beispiel Stadtteilbücherei, Kinderbetreuungseinrichtungen und betreutes Wohnen sowie Versorgungseinrichtungen wie Einzelhandel, Gastronomie oder Arztpraxen. Das Thema "Aufenthaltsqualität" spielt bei der Entwicklung neuer Wohngebiete eine zentrale Rolle, indem zum Beispiel Kinderspielplätze und grüne Frei- und Naherholungsräume entstehen. Wichtig ist auch eine gute Anbindung an den ÖPNV.
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