Kommentar
Traurig für Amerika, traurig für Europa

Für Europa ist der jüngste NSA-Abhörskandal ein weiterer kräftiger Schlag ins Kontor. Zwar darf sich niemand ernsthaft wundern, wenn ein Geheimdienst andere Staaten, inklusive deren Regierungschefs, abhört.

Aber spätestens nach den jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen, wonach die NSA nicht nur die deutsche Kanzlerin, sondern auch drei französische Präsidenten belauscht haben soll, stellt sich die Frage, wie glaubwürdig, wie ehrlich die Freundschaft zwischen Europa und den USA ist. Verdient sie überhaupt noch diesen Namen? Das Abhören von Verbündeten hat ja offenbar System. Wären lediglich ein paar Schlapphüte übers Ziel hinausgeschossen, hätten die USA getrost das No-spy-Abkommen unterzeichnen können. Stattdessen haben sie sich nur entschuldigt - halbherzig. Für das Bekanntwerden des Lauschangriffs auf Merkel. Aber nicht für die Spionage an sich.

Mehr ist nun gegenüber Frankreich ebenfalls nicht zu erwarten. Traurig für die USA - ein Land, das sich als moralische Instanz versteht, das seine größte Errungenschaft - die Freiheit - in alle Welt exportieren will. Das sich aber gleichzeitig von der Freiheit anderer Regionen in den eigenen Interessen bedroht fühlt. Traurig für Europa, das sich das alles gefallen lässt.

alexander.raedle@derneuetag.de
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