Kommentar von Albert Franz
2014 - das Jahr der erschütterten Gewissheiten

Endspurt. Karikatur: Tomicek
Wenn von 2014 etwas bleibt, dann der Verlust einiger liebgewonnener Gewissheiten. Nie wieder Krieg in Europa - aus der sicher geglaubten Hoffnung ist wieder ein vager Wunsch geworden, seit im Machtkampf um die Ukraine mehr als 4000 Menschen starben. Auch der Siegeszug von Freiheit und Demokratie ist erschüttert, seit sich in Syrien und im Irak skrupellose Fundamentalisten zu Herren über Leben und Tod aufspielen.

Und Zweifel kommen auf, wo früher Überzeugungen standen: Ist der Staat noch für die Menschen da, oder ist es nicht längst umgekehrt? Oder: Dient die Technik noch den Menschen oder haben nicht längst die Algorithmen das Kommando übernommen - weil sie entscheiden, wie wir leben, was wir sehen und was wir für die Wahrheit halten sollen. Ja: 2014 hat auch gezeigt, dass Social Media nicht nur Freiheit und Demokratie dienen können, sondern auch den Terror-Milizen.

Mit etwas Distanz lässt sich das Jahr 2014 auf ein paar schlichte Fragen reduzieren: Ist es richtig, Russland in die Knie zu zwingen? Ist das christliche Abendland noch unsere Leitkultur oder brauchen wir keine mehr? Was tun mit mörderischen Aggressoren wie den IS-Milizen - oder mit dem Bösen überhaupt? Und: Wie halten wir es mit dem Staat? Oder: Wollen wir uns noch mehr verführen lassen von Google und Co.?

Auch der "Pegida"-Aufstand ist letztlich nichts anderes als Ausfluss einer Identitäts- und Legitimationskrise, einer verhängnisvollen Melange aus Unsicherheiten und Verunsicherungen. Die Vertrauenskrise sitzt tief. Und die Realität ist oft komplizierter als die selbst gebastelten, besserwisserischen Wahrheiten oder boshafte Verschwörungstheorien.

Dagegen hilft nur, was in der Weihnachtsansprache von Bundespräsident Joachim Gauck anklang: Der Staat, die Politik, das Gemeinwesen müssen sich wieder ihrer selbst vergewissern. Das geht nicht mit Beliebigkeit, sondern nur mit Haltung. Zur Haltung aber gehört nicht nur die Selbstgewissheit, sondern auch der Zweifel. Anders gesagt: Selbst 20 Uhren nutzen nichts, wenn man nicht weiß, welche richtig geht.

albert.franz@derneuetag.de
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